Ein langer Weg für Christen und Muslime
Wittlich · Seit den 60er Jahren proklamiert die katholische Kirche Religionsfreiheit. Doch wie weit ist es her mit der Akzeptanz anderer Religionen? Wittlichs ehemaliger Pfarrer Rudolf Halffmann erläuterte den Richtungswechsel durch das Zweite Vatikanische Konzil und diskutierte mit Interessierten das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen.
Wittlich. Kein Mensch hat die Wahrheit. Zu diesem Schluss kam das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) und verabredete Religionsfreiheit. Christen sollten fortan Muslime und Juden in ihrem Glauben auf Augenhöhe akzeptieren. Diesen gegenseitigen Respekt habe der Koran schon vor 1400 Jahren von den drei monotheistischen Weltreligionen verlangt, so Tahir Dogan von Wittlichs muslimischer Gemeinde bei einem Gesprächsabend im St. Markus-Haus.
Versöhnte Vielfalt
Bis heute ist das nicht die Wirklichkeit. "Schön wäre es, aber darum sitzen wir ja hier, um einen Schritt weiter zu kommen", sagte Pfarrer Rudolf Halffmann. Er referierte über die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils für das Verhältnis der katholischen Kirche zu Muslimen. Im geschichtlichen Rückblick habe es den Durchbruch gebracht. Bis dahin erhob die katholische Kirche den Anspruch, das Christentum sei die einzig wahre Religion.
Auf dieser Überzeugung fußte die Missionierung im Mittelalter. Muslime galten als Ungläubige. Auch Luther sah zur Reformationszeit den Islam neben dem Papst als den größten Feind des Christentums an. Erst zur Zeit der Aufklärung breitet sich eine objektivere Wahrnehmung der islamischen Religion aus.
Das Zweite Vatikanische Konzil brachte das Ende des missbilligenden Tons gegenüber den anderen Weltreligionen. Rudolf Halffmann stuft das Konzil als "Voraussetzung für eine gute Koexistenz" ein, als "kopernikanische Wende" in der Neubeurteilung von Islam und Judentum.
Wie viel Trennendes es dennoch bis heute gibt, wurde im Gespräch unter den 40 Zuhörern deutlich, die dem einzigen anwesenden Muslimen viele Fragen stellten. Tahir Dogan gab bereitwillig Auskunft über den gemäßigten Islam. Das Problem sei, dass Christen und Muslime immer noch zu wenig über die andere Religion wüssten, so seine Einschätzung. Dadurch entstünden Missverständnisse, pflichtete Pfarrer Halffmann bei. Pastor Bruno Comes sieht Wittlich in Sachen gegenseitigen Respekts und Augenhöhe der Religionen auf einem guten Weg. Motor des interreligiösen Dialogs sei die Pax Christi-Gruppe, die auch in Zusammenarbeit mit der türkisch-islamischen Union und der katholischen Erwachsenenbildung zu diesem Vortrag mit Gespräch eingeladen hatte.
Eine Zuhörerin erhielt für ihren Lösungsansatz Applaus: "Ich glaube, wir müssen über ein Denkmodell der versöhnten Vielfalt nachdenken." Das sei besser, als an eine zentrale Instanz wie den Papst zu glauben.
Extra
... Rudolf Halffmann, Pfarrer im Ruhestand: Sie waren 19 Jahre als Pfarrer in Wittlich tätig und wurden vor einem Jahr in den Ruhestand verabschiedet. Nun leben Sie in Bernkastel-Kues. Wie verbringen Sie Ihre Zeit? Halffmann: Ich stehe da zur Verfügung, wo im Moment kein Priester vorhanden ist oder sie so viele Gottesdienste haben, dass sie sie nicht alleine halten können. In der Regel sind das zwei Gottesdienste am Wochenende. Dazu kommen Sondergottesdienste, zum Beispiel bei Beerdigungen. In meiner Freizeit lese ich oder setzte mich aufs Fahrrad. Wie gefällt es Ihnen in Bernkastel-Kues? Halffmann: Mir gefällt es gut hier. Ich bin aus Wittlich weggegangen, weil ich nicht dort bleiben wollte, wo ich beruflich tätig war und auch nicht zu weit weg wollte. Vermissen Sie etwas? Halffmann: Am Anfang war das der Fall. Ich habe die Begegnungen mit vielen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen wie bei Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen vermisst. Ich vermisse, dass ich die meisten Menschen kannte, wenn ich in Wittlich durch die Straßen ging, was hier nicht mehr so der Fall ist. Aber ich erfahre, dass die größere Freiheit das wettmacht, was ich vermisse. sys