Ein Leben für die Nächstenliebe

Seine Vorfahren stammen von der Mosel, in seiner Heimat Brasilien war er ein berühmter Theologe: Kardinal Paulo Evaristo Arns ist kurz vor Ende des vergangenen Jahres in São Paulo gestorben.

Pünderich/São Paulo. Hochbetagt starb kurz vor Ende des Jahres im Alter von 95 Jahren in São Paulo der Befreiungstheologe und emeritierte Kardinal Paulo Evaristo Arns, dessen Vorfahren aus dem Moselort Pünderich stammen. Mit ihm verstummte die mutigste Stimme der katholischen Kirche Brasiliens, die in der Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 ohne Furcht die Generäle zur Rede gestellt hatte.
Paulo Evaristo Arns wurde 1921 im südbrasilianischen Forquilhinha als fünftes von 13 Kindern des Ehepaares Gabriel Arns und Helen Steiner geboren. Sie waren Nachfahren von aus dem Moselgebiet ausgewanderten Familien. 80 Jahre zuvor waren diese zusammen mit Hunderten anderer Auswanderer aus dem Moseltal und dem Hunsrück in Südbrasilien angekommen.
Not in der Heimat


Wohl niemand verließ damals die Heimat ganz ohne Not: Hunger und Armut waren vor 150 Jahren auch im Großraum Trier noch bittere Realität. Viele Junge, vor allem junge Familien, verließen schweren Herzens die angestammte Region. Einer von den Immigranten war 1846 Philipp Joseph Arns, der 1833 in Pünderich an der Mosel geboren wurde; er ging als 13-jähriger Junge zusammen mit seinem Vater Nikolaus und zwei Schwestern von Bord. Dass er in diesem fremden Land einst Stammvater einer in ethischen Belangen bedeutendsten Familie würde, konnte er nicht ahnen.
Einer seiner Nachfahren war Gabriel Arns, der Helen Steiner heiratete — und mit ihr nicht weniger als 13 Kinder hatte. Und einer der Söhne dieses Paars war der besagte Paulo Evaristo, der bereits mit 18 Jahren in den Franziskanerorden eintrat und später an der Sorbonne in Paris studierte. Er wurde zum Priester geweiht, und 1970 machte ihn Papst Paul VI. mit nur 49 Jahren zum Erzbischof von São Paulo. 1973 erhob er ihn in den Kardinalsstand.
Nach der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie war Kardial Paulo Arns auf einer Zusammenkunft der Uno in Genf, als ihm der damalige Unicef-Direktor James Grant den entscheidenden Impuls gab: "Die katholische Kirche könnte viele Kinder retten, wenn sie die Mütter lehrt, wie sie noch besser auf sie aufpassen."
Gleich nach seiner Rückkehr nach Brasilien rief der Kardinal seine Schwester Zilda an. Diese war seit fünf Jahren Witwe und hatte fünf Kinder zwischen neun und 19 Jahren. In Curitibas Stadtteil Uberaba war Zilda Arns seit den 1960er Jahren dafür bekannt, dass sie sich nach Feierabend als Kinderärztin kleiner Patienten annahm, deren Eltern wenig bis gar kein Geld für eine Behandlung hatten.
Hilfe für Tausende Menschen

Der Befreiungstheologe und emeritierte Kardinal Paulo Evaristo Arns, dessen Vorfahren von der Mosel stammen, ist kürzlich in Brasilien gestorben. Seine Schwester Zilda Arns Neumann (Foto rechts) war Gründerin der brasilianischen Kinderpastoral. Unser Foto zeigt sie bei einem Besuch der Grundschule Reil 2005. Fotos: privat/Tv-Archiv/Winfried Simon. Foto: (m_kreis )


Nachdem sie sich erst Bedenkzeit erbeten hatte, stürzte sie sich die Doktorin kurz darauf entschlossen in die Arbeit. Zusammen mit der Brasilianische Bischofskonferenz (CNBB) wurde ein Netzwerk gezogen, die "Pastoral da Criança", ein Solidaritätsverbund, der Maßnahmen gegen die damals hohe Kindersterblichkeit in Brasilien entwickelte.Mehr als eine Viertelmillion Freiwillige, hauptsächlich Frauen, wurden darin eingebunden, um sich um zwei Millionen Säuglinge und Kleinkinder unter sechs Jahren in benachteiligten Familien zu kümmern. Ebenfalls auf Anregung der Brasilianischen Bischofskonferenz gründete Zilda Arns die Aids-Pastoral. Von dieser werden bis heute hunderttausend HIV-positive Menschen behandelt.
Mehrfach, sowohl vom Präsidenten Fernando Henrique Cardoso wie auch von dessen Nachfolger Ignacio Lula da Silva, war sie als Anwärterin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden.
Ihr Engagement hatte dafür gesorgt, dass die Sterblichkeitsrate bei Kleinkindern deutlich gesenkt wurde. Zilda Arns Neumann, die Kinderärztin aus Curitiba, war zu ihrer Zeit eine der bekanntesten Frau des Landes und war für viele Brasilianer bis zu ihrem tragischen Tod in den Erdbebentrümmern von Port-au-Prince in Haiti (der TV berichtete) die Glaubwürdigkeit in Person.
Zilda Arns sprach fließend Deutsch. Davon konnten sich im Jahr 2005 Schüler in Reil an der Mosel überzeugen. Damals war sie vom katholischen Hilfswerk Adveniat nach Deutschland eingeladen worden, und sie diskutierte mit der Jugend im 1200-Seelen-Dorf, einem Nachbarort der Gemeinde ihrer Vorfahren. Noch heute leben dort entfernte Verwandte von Zilda und Paulo Evaristo.

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