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Ein Lexikon der europäischen Visionäre

Ein Lexikon der europäischen Visionäre

Der Hochschulprofessor Winfried Böttcher, gebürtig aus Morbach, hat mit Hilfe von 65 Wissenschaftlern ein Lexikon über Europavisionäre der vergangenen sieben Jahrhunderte verfasst. Unter den Autoren befinden sich die Spitzenkandidaten der jüngsten Europawahl, Martin Schulz und Jean-Claude Juncker.

Morbach/Aachen. Die Diskussionen um das politische Europa sind in den Nachrichten allgegenwärtig. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in den Medien über das politische Geschehen in Brüssel oder Straßburg berichtet wird.
Ein profunder Europakenner ist der aus Morbach stammende Winfried Böttcher, Bruder von Lieselotte Steck, die 20 Jahre Mitglied im Kreistag Bernkastel-Wittlich war und in Morbach lebt, und Onkel der Grünen-Landespolitikerin Britta Steck aus Gornhausen. Er ist auch ein Weinfreund, was ihn regelmäßig in die Region zieht.65 Gastschreiber


Der 78-Jährige war von 1973 bis 2001 Professor für politische Wissenschaft und internationale Politik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen. 30 Jahre lang hat Böttcher dort Vorlesungen über Europa gehalten. Dabei hat er festgestellt, dass ein Nachschlagewerk über Europa-Visionäre fehlt. "Wenn jemand wissen wollte, was Konrad Adenauer über Europa gedacht hat, waren umfangreiche Recherchen notwendig", sagt Böttcher.
2012 entstand deshalb die Idee, ein solches Werk selbst zu schaffen. 14 Monate später kann Böttcher das Ergebnis vorweisen. 65 Gastschreiber, darunter bekannte Europapolitiker wie Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker, sowie Historiker, Sozialwissenschaftler, Sprachwissenschaftler und Juristen, stellen in einem Lexikon mit dem Namen "Klassiker des europäischen Denkens - Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte" 100 Europa-Visionäre der vergangenen Jahrhunderte vor. Die Liste der beschriebenen Europa-Theoretiker gleicht einer Zeitreise durch die Jahrhunderte: Die Vorstellungen von Niccolo Machiavelli, Peter dem Großen, Napoleon Bonaparte, Johann Gottfried Herder, Victor Hugo, Karl Marx, Gustav Stresemann, Rosa Luxemburg, Charles de Gaulle, Willy Brandt und Johannes Paul II sind nur einige der beschriebenen Klassiker.
Gedacht ist das Nachschlagewerk, das in einer Auflage von 1000 Exemplaren im Mai erschienen ist, für Bibliotheken in Universitäten, Stadtbibliotheken und Schulen mit gymnasialer Oberstufe. "Es gibt weltweit kein vergleichbares Werk", erläutert Böttcher. Erste Anfragen, das Buch ins Spanische und Russische zu übersetzen, liegen bereits vor. Natürlich hat Böttcher auch ein eigenes Modell für Europa entwickelt. Seine Vision: Frankreich und Deutschland sollten ihren Nationalstaat abschaffen und eine gemeinsame europäische Republik gründen. Andere Länder könnten sich anschließen. "Nationalstaaten hatten eine historische Funktion, heute sind sie Störenfriede der europäischen Vereinigung", sagt er. Ferner ist er ein Anhänger des Prinzips der Subsidiarität. Das bedeutet: Entscheidungen sollen nicht zentral getroffen werden, sondern in den jeweiligen Regionen. Diese stellt sich Böttcher ähnlich autonom vor wie die Schweizer Kantone. Zu diesen Entscheidungen gehören Fragen der Umwelt, der Gesundheit, des Arbeitsmarktes oder der Energie. Die Regierung dieser europäischen Republik sollte lediglich für Außen- und Sicherheitspolitik und Finanz- und Währungspolitik zuständig sein. Zudem sollte sie Wirtschafts- und Umweltpolitik koordinieren und Rahmen für Sozial-, Steuer-, Verkehrs- und Gesundheitspolitik abstecken. cst
Klassiker des europäischen Denkens - Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte, Winfried Böttcher (Hrsg.), Baden-Baden 2014, Nomos-Verlag
Extra

Martin Schulz (SPD), Präsident des Europäischen Parlaments, ist seit mehr als 30 Jahren mit Böttcher befreundet. Er beschreibt ihn folgendermaßen: "Winfried Böttcher ist ein erstklassiger Wissenschaftler, ein rastloser Mitstreiter für das Projekt der europäischen Integration und ein leidenschaftlicher Kämpfer für das Europainstitut Klaus Mehnert (das den einzigen deutschsprachigen Europastudiengang in Russland anbietet)". cst