Ein Märchen ohne Happy-End

BERNKASTEL-KUES. "Es war einmal." So fangen viele Märchen an. Auch für moderne Märchen gilt dieser Spruch. Vier Winzer wissen ein Lied davon zu singen.

Es waren viele Formalien, die Notar Michael Neugebauer am 25. September im Saal des Hotels "Burg Landshut" verlas. Eine davon lautete sinngemäß: Die Heilig-Geist-Stiftung, Besitzer von zwei Parzellen im berühmten "Doctor"-Weinberg, behält sich bei der Versteigerung der beiden Weinberge das Recht vor, unter den drei Letztbietenden zu wählen. Die Winzer Patrick Philipps (Graach), Markus Fries (Maring-Noviand) Mona Bastgen und Armin Vogel (beide Monzel) machten sich an diesem Abend nicht viele Gedanken über den Satz. Sie hatten gerade den Zuschlag für je eine Parzelle in dem teuersten Weinberg Deutschlands erhalten. Philipps und Fries traten dabei als Bietergemeinschaft auf, das Ehepaar Bastgen-Vogel als Einzelbieter (der TV berichtete). Bastgen/Vogel bekamen den Zuschlag für die 1456 Quadratmeter große Parzelle für 5,30 Euro pro Quadratmeter und Jahr, Philipps/Fries freuten sich auf die 1162 Quadratmeter große Parzelle (5,50 Euro). Stiftungsrat entschied in geheimer Abstimmung

Trotz der Klausel durften sie guten Mutes sein, die Wingerte neun Jahre bewirtschaften zu dürfen. Auch Auktionator Wolfgang Port, als Stadtbürgermeister gleichzeitig Vorsitzender der Heilig-Geist-Stiftung, schien mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. "An diesem Abend hätte ich auch nicht erwartet, dass sich an dem Ergebnis noch etwas ändert", gibt er zu. Doch der 13-köpfige Stiftungsrat, der bis auf Port und den Pastor nur aus Bernkastelern besteht, entschied sich in geheimer Abstimmung anders. Nicht einstimmig, aber mit klarer Mehrheit, sagt Port. Und so kommen mit den Weingütern Wegeler und Thanisch-Erben Müller Burggraef wieder Betriebe zu Zug, die sowieso schon im "Doctor" Besitz haben. Letztgenannter Betrieb war zudem in den vergangenen neun Jahren einer der Pächter. Beide Güter zahlen natürlich den Preis, für den es am 25. September den Zuschlag gab. Bei Philipps, Fries, Bastgen und Vogel ist die Enttäuschung natürlich groß. Sie waren bereits als "Herr Doctor" und "Frau Doctor" tituliert worden. Ihre Reaktion auf die Absage ist eindeutig. Worte wie "große Enttäuschung" machen die Runde. Patrick Philipps kommt sich vor, als wäre er Zeuge einer Märchenstunde gewesen. Markus Fries nimmt die Absage sehr persönlich: "Schließlich liegt nichts Negatives gegen uns vor." Armin Vogel zitiert seinen amerikanischen Importeur: "Die Vorgehensweise ist unseriös." Das führe dazu, dass kein auswärtiger Betrieb mehr an einer solchen Versteigerung teilnehme, glaubt Vogel. Unverständnis bei den zu kurz Gekommenen

Unverständnis kommt vor allem auf, weil die Heilig-Geist-Stiftung den Kreis der Bieter vor der Versteigerung auf das gesamte Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer ausgeweitet und auch Bietergemeinschaften zugelassen hatte. Bei den Ausgebooteten steigt der Verdacht hoch, dass dies nur geschehen ist, um den Preis hochzutreiben. Wolfgang Port kann die Vorwürfe sogar verstehen und gibt zu, dass ein "fader Beigeschmack" erweckt werden könne. Der Stiftungsrat habe aber ausgiebig und sachlich über die Thematik diskutiert und schließlich in geheimer Abstimmung sein Votum abgegeben. Vielleicht habe die Angst vorgeherrscht, eine Bauchlandung zu erleben. In der Vergangenheit habe die Stiftung auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht habe die Mehrheit des Stiftungsrates doch an der Tradition, nur Betriebe aus Bernkastel zu nehmen, festhalten wollen. Schließlich hätten die nun aufs Schild gehievten Pächter viel für den Ruf des "Doctors" getan. Mit der Qualität der ausgebooteten Winzer könne die Absage nichts zu tun haben. "Das sind ausgezeichnete Winzer", stellt Port fest. Vielleicht müsse die Stiftung darüber nachdenken, die Versteigerungs-Praxis zu ändern, und dem Höchstbietenden unwiderruflich den Zuschlag erteilen, sagt Port. Einiges an Geld ist der Heilig-Geist-Stiftung sowieso entgangen. Philipps, Fries und das Ehepaar Vogel/Bastgen wären bereit gewesen, weit mehr als die 5,30 beziehungsweise 5,50 Euro pro Quadratmeter und Jahr zu zahlen.