Ein magischer Ort für Kreative

Westeifel, nördlicher Kyllwald. In einer Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, liegt die Künstlersiedlung Weißenseifen. Ein Ort, der dem modernen Menschen fremdartig archaisch vorkommt. Aber wer diese Exklave besucht, spürt den Zauber, der in ihr wohnt. Seit 63 Jahren zieht es Künstler hierher. Die einen bleiben ein Leben lang, die anderen kommen zu Stippvisiten. Beim alljährlichen Symposion ab dem 14. Juli ist es wieder so weit.

Weißenseifen. Mitten im Wald auf der Grenze zwischen den Landkreisen Daun und Bitburg-Prüm steht eine Handvoll Häuschen, verborgen hinter Bäumen. Hier suchen Künstler die Abgeschiedenheit und ein Leben ohne Statussymbole. Nicht mal den Luxus eines Badezimmers oder Fernsehers hat hier jeder, manch einer ist seit vielen Jahren mit einer Holzhütte zufrieden. Trampelpfade durch Heidekraut, Immergrün, Löwenmäulchen und Blaubeersträucher verbinden sie miteinander.
Auch Joseph Beuys zog es in den 50er und 60er Jahren als Gast immer wieder an diesen romantischen Ort. Er kannte die Gründer der Siedlung aus gemeinsamen Studientagen an der Düsseldorfer Kunstakademie: Bildhauer Günther Mancke, seine Frau Irmgard und die Malerin Antonia Berning legten 1949 den Grundstein für die Siedlung. Die beiden Frauen sind inzwischen verstorben, aber die Stiftung Antonia Berning stellt aktuell ihre Bilder in der Siedlung aus.
1963 stieß mit Albrecht Klauer-Simonis ein neuer Dauerbewohner zu der Gruppe. Er rief 1975 das Kunstsymposion Weißenseifen ins Leben, ein vierwöchiges Künstlertreffen, das seitdem jährlich stattfindet. Das Symposion lockte auch die junge Kunststudentin Christiane Hamann in die Eifel. Als sie 1986 aus Berlin herkam, habe sie die Magie des Ortes gespürt, erinnert sie sich. Sie verliebte sich in den 40 Jahre älteren Albrecht Klauer-Simonis. Sechzehn Jahre lebten und arbeiteten die beiden gemeinsam in ihrem Haus "Am Pi 2", benannt nach Albrecht Klauer-Simonis\' dominierendem Sandsteinmonument im Skulpturengarten der Siedlung.
Seit dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren lebt Christiane Hamann allein in ihrem archaisch wirkenden Haus, Baujahr 1938. Sie selbst nennt es ihre "Höhle". Bruchsteinwände, niedrige Decken, ein offener Kamin, Möbel aus Stein, dämmriges Licht und abgerundete Wandkanten schaffen diese Atmosphäre. Die Malerin und Bildhauerin lebt hier im Wald im Rhythmus der Natur. Um fünf Uhr beginnt für sie der Tag, der eine Nacht ablöst, die finsterer und leiser ist als anderswo. Der Winter bringe durch seine Kälte viel Zeit zum Nachdenken, erzählt sie, im Sommer findet Hamanns Leben vor allem im Freien statt.
"Man muss schon so verrückt sein, dass man das hier liebt, um hier zu leben", sagt sie nach 26 Jahren. Sogar im Tod bleiben die meisten Bewohner der Siedlung treu: Albrecht Klauer-Simonis hat auf der Lichtung vor seinem Haus ein Urnenfeld angelegt und hohe Sandsteinquader rundherum aufgerichtet.
Hamann nennt den Friedhof "Stonehenge". Die kleine Waldsiedlung besitzt sogar ein zweites Gräberfeld, das Günther Mancke als Rundkapelle anlegen ließ.
Die Außenwelt kommt per Telefon in die Exklave. In diesen Tagen klingelt es bei Christiane Hamann ständig, denn das Symposion rückt näher, und es gibt viele Anfragen an die Organisatorin.
Hamann genießt die Begegnung mit den Menschen, die hierher kommen. Wie die Verkehrsplanerin aus Aachen, die an diesem Tag unerwartet an ihre Tür klopft. Sie ist mit einem Zelt ausgerüstet und möchte einige Tage bleiben. Im Skulpturengarten vor Hamanns Haus wartet seit dem letzten Symposion ihr Stein, ein Frauentorso, den sie weiter bearbeiten möchte.
Nachmittags nimmt sich auch Christiane Hamann Zeit für ihre Kunst. Dann entstehen Skulpturen, Plastiken, Aquarelle. Ihre Werke wenden sich dem Alltäglichen zu. Hände sind eins ihrer Lieblingsmotive. Was sie erreichen möchte, ist eine Bildersprache, dank derer die von der medialen Bilderflut abgestumpften Betrachter das Magische in der Natur und dem Menschen wieder wahrnehmen.
Den Vormittag widmet sie ihrem Kunstbuch-Verlag, organisiert die alljährlichen Kulturwerktage, arbeitet an Katalogen und plant Ausstellungen für andere Künstler. Ihnen stellt sie auch die Galerie am Pi auf dem Symposion-Gelände zur Verfügung. Dreimal pro Woche gibt sie zudem Kurse.
Vielleicht wird Hamann, wenn sie nicht mehr arbeitet, die Einsamkeit der Wald-Siedlung verlassen und ihr Haus anderen Künstlern überlassen. Denn für neue Häuser gibt es keine Genehmigung. "Ich finde es wichtig, dass es kein Altenzentrum wird, sondern wieder ein Künstler hier einzieht", sagt sie über die Zukunft der Siedlung. Für das Danach zieht sie einen Ort in Betracht, der kaum mehr Kontrast zu ihrer Waldheimat bieten könnte: Berlin.
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Die Künstlersiedlung zwischen Mürlenbach und Schönecken beherbergt derzeit 13 Dauerbewohner. Dar unter der Bildhauer und Gründervater Günther Mancke mit seiner dritten Frau Mihaela Nove, die Malerin und Bildhauerin Christiane Hamann, der Maler und Architekt Heinz Kassel, die Bildhauerin Konstanze Blum, die Sprachgestalterin Marlies Pinnow und der Musiker Hans-Reinhardt Schneider sowie der Bildhauer Andres Mendl mit seiner Frau und den beiden Söhnen. sysExtra

Das diesjährige Symposion Weißenseifen findet vom 14. Juli bis 12. August statt. Es richtet sich an Profis ebenso wie an Laien. Die Kurse in Bildhauerei, Zeichnen, Holzschnitt, Aquarellieren und Töpfern auf dem zwei Hektar großen Areal finden von montags bis samstags statt. Anmeldungen nimmt Christiane Hamann unter 06594/883 oder per E-Mail an hamann@weissenseifen.info entgegen. Weitere Informationen im Internet: www.symposion-weissenseifen.de sys