Ein Mann im Jagdfieber: Gerhard Hänsel dokumentiert die Artenvielfalt bei Schmetterlingen im Nationalpark Hunsrück-Hochwald.

Natur : Feuerfalter, Schachbrett und Widderchen

Ein Mann im Jagdfieber: Gerhard Hänsel dokumentiert die Artenvielfalt bei Schmetterlingen im Nationalpark Hunsrück-Hochwald.

Gerhard Hänsel liegt mitten in einer Wiese, die Kamera in der Hand und die Arme aufgestützt. So liegt er oft minutenlang regungslos, bis er sein jüngstes „Opfer“ möglichst vorteilhaft abgelichtet hat. In der Wiese wimmelt es nur so von Faltern: Ochsenauge, Schornsteinfeger, Widderchen und Schachbrett – um nur wenige zu nennen. Lauter Namen, von denen die meisten Menschen noch nie etwas gehört haben. „Die meisten kennen den Kleinen Fuchs, Tagpfauenauge und Zitronenfalter“, ist auch ihm klar. Und es gibt einen besonderen Grund, warum das so ist. Es gibt einige Arten, die als Falter überwintern. Die sieht man im Frühjahr zuerst. Und die drei genannten gehören dazu.

Dass er weit mehr kennt, liegt sicherlich an seiner großen Leidenschaft, aber auch daran, dass er mitten in einem Schmetterlings-Hotspot lebt: im Nationalpark Hunsrück-Hochwald. „Rund 170 Tagfalterarten gibt es in Deutschland. Davon habe ich insgesamt 63 fotografiert, die meisten von ihnen im Hunsrück“, sagt er. Daneben gibt es noch etliche tagaktive Nachtfalter wie die verschiedenen Widderchen und Taubenschwänzchen. In seinem Fotoarchiv hat er insgesamt 155 Arten.

Besonders fasziniert ihn der Lilagold-Feuerfalter. Er hat eine „unglaublich intensive Farbgebung“. Der kleine Falter aus der Familie der Bläulinge sei ein echter Blickfang, schwärmt er. „Wenn er saugend auf einer Nektarpflanze sitzt, kann man ihn aufgrund seiner intensiven Färbung trotz seiner Winzigkeit auf weite Entfernung ausmachen.“ Er steht in Deutschland auf der Roten Liste und gilt als stark gefährdet. In Hänsels „Jagdgebiet“, dem oberen Trauntal im Nationalpark Hunsrück-Hochwald ist er zuhause. Ebenso wie der Randring-Perlmutterfalter, der extrem selten ist und im Hochwald lange Zeit als verschollen galt.

Eine regelrechte „Sehnsuchtsart“ ist der Große Eisvogel, „einer der größten und schönsten Falter in Deutschland“. Trotz seines Namens handelt es sich tatsächlich um einen Falter. Hänsel: „Jeder wünscht sich, mal einen vor die Linse zu bekommen.“ Das ist allerdings extrem selten, weil das Tier sein Leben überwiegend in Baumkronen verbringt, eine „Eiszeitreliktart“. Es benötigt eine Zitterpappel zur Eiablage. Versteht sich von selbst, dass er von allen dreien schon Fotos geschossen hat. Obwohl die Qualität seiner Werke anderes vermuten lässt, fotografiert er diese zarten Tiere erst seit sechs Jahren. Schmetterlinge haben für ihn nicht nur einen ästhetischen Reiz. Hänsel engagiert sich auch für die Wissenschaft. Denn Fachleute sind durchaus interessiert an Informationen, wo welche Arten vorkommen, und in welcher Häufigkeit. Dafür bedient man sich des offiziellen Portals des Landes www.artenfinder.de. Dort kann man Fotos hinsenden und mit Informationen über Fundort und Datum versehen. Das erste Foto ist stets ein Sicherheitsfoto. Damit kann er die Existenz des Falters nachweisen. Und dann schraubt er das passende Objektiv auf die Kamera, sucht die richtige Position – meist liegend im Gras (siehe oben), und dann versucht er, die Schönheit und Fragilität des Insektes festzuhalten. Dabei gelingen ihm zauberhafte Fotos, etwa bei der Paarung.

„Aber das ist gar nicht so schwierig. Denn das ist ihre Lieblingsbeschäftigung“, schmunzelt der 60-Jährige. Sein ganzer Stolz sind derzeit seine Fotos vom Apollofalter. Zwei Exemplare dieser vom Aussterben bedrohten Art, einer weiteren regelrechten „Sehnsuchtsart“ unter Schmetterlingsfotografen, hat er jüngst bei Cochem vor die Linse bekommen. Und warum ist er an die Mosel gereist? Insbesondere die Terrassenmosel gilt als Hotspot in Sachen Artenvielfalt. Und der Apollofalter kommt in Deutschland nur an wenigen Stellen vor. Der Parnassius apollo vinningensis, so der lateinische Name, ist nach dem Weinort Winningen an der Mosel benannt.

Für diese Fotos, die erst vor wenigen Wochen entstanden, „habe ich extra Schmetterlingsurlaub gemacht“, sagt Hänsel weiter. Den Ausflug an die Mosel unternahm er gemeinsam mit seiner Frau Christine, die seine Leidenschaft teilt. Und welche Tricks hat er angewendet, um sein Ziel zu erreichen? Hänsel schüttelt den Kopf. Den seltenen Falter fanden die beiden eher zufällig, als sie beim Wandern einen Umweg durch die Weinberge machen mussten.

Tricks beim Fotografieren sind nicht sein Ding. „Oft ist es Zufall“, schüttelt der ambitionierte Hobbyfotograf den Kopf. Aber er weiß von „Kollegen“, die abends Stellen markieren, um die fragilen Tiere am Morgen an derselben Stelle zu erwischen, wenn sie wegen der Morgenkühle noch nicht bewegungsfähig sind. Oder die ein altes Kotelett auslegen und weitergehen. Und beim Zurückkommen ist das Jagdobjekt vor Ort. Denn nicht alle Schmetterlinge lieben den Duft von Blüten. Auch Senf oder gar Fuchskot kann da seinen Dienst tun.

Bleiben angesichts der vielen Arten, die er schon auf Mikrochip festgehalten hat, Wünsche offen? Im kommenden Jahr „möchte ich den äußerst seltenen Hochmoor-Perlmutterfalter finden“, verrät der 60-Jährige. Der „ist ebenfalls vom Aussterben bedroht“. Dann geht es in die deutsch-französische Grenzregion südlich von Pirmasens.

Foto: Gerhard Hänsel. Foto: Gerhard Hänsel
Zwei Sechsfleckwidderchen paaren sich. Laut Hänsel ist die Fortpflanzung eine der Lieblingsbeschäftigung der Falter. . Foto: Gerhard Hänsel
Eine große Faszination geht vom Lilagold-Feuerfalter aus: Er ist sehr klein und dennoch sehr auffällig. Foto: Gerhard Hänsel
Der Schachbrettfalter ist der Schmetterling des Jahres 2019. Foto: Gerhard Hänsel
Eine absolute Rarität ist der Apollofalter. Er kommt nur an wenigen Stellen vor, unter anderem an der Terrassenmosel. Foto: Gerhard Hänsel
Die braunkolbigen Dickkopffalter kommenin Nordafrika und fast ganz Europa vor. Foto: Gerhard Hänsel
So sieht es aus, wenn Gerhard Hänsel sich auf die Jagd begibt: Er liegt mitten in einer Wiese und fokussiert eines seiner Models. Foto: Gerhard Hänsel

Hänsel fotografiert überwiegend mit der Nikon D7500. Meist kommt ein Objektiv mit Festbrennweite Nikkor 105 mm Micro zum Einsatz. Hin und wieder nutzt er ein Telezoom, den 150-600 mm Tamron oder den Allrounder 16-300 mm Tamron. Landschaftsaufnahmen macht er meist mit einem 11-16 mm Weitwinkel und einer 35 mm Festbrennweite. Nicht zu vergessen das neue iPhone XS.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zauberhafte Falter

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