Ein mutiges Priesterleben in der NS-Zeit
Burgen/Bitburg/Wittlich · Er eckte in der NS-Zeit als Religionslehrer bei den braunen Machthabern an, bezeichnete Hitler als den "künftigen Totengräber Deutschlands", wurde mehrfach strafversetzt, letztlich aus dem Schuldienst entlassen und erfuhr auch von der bischöflichen Behörde in Trier kaum Rückhalt: Im Oktober 1971 starb der im Landkreis Bernkastel-Wittlich geborene Peter Schneider.
Burgen/Bitburg/Wittlich. "Danach betreute ihn sein Bischof mit der Aufgabe als geistlicher Studienrat in Wittlich, der Jugend zu dienen. Sein ganzes Leben und Wirken gehörte der Verkündigung des Wortes Gottes an die studierende Jugend." Zwei lapidare Sätze, abgedruckt in der Todesanzeige des Priesters Peter Schneider, die nichts von dem erahnen lassen, was der am 17. Mai 1894 in Burgen geborene Sohn einer vielköpfigen Bauernfamilie in der NS-Zeit auszustehen hatte. Darüber hatte er selbst in späteren Jahren bis zu seinem Tod am 28. Oktober 1971 auch kaum gesprochen.
Ehemaligen Schülern und Zeitzeugen blieb jedoch nicht verborgen, dass Peter Schneider schon als geistlicher Religionslehrer am Realgymnasium in Betzdorf bei den braunen Machthabern aneckte, weil er sich geweigert hat, der katholischen Schuljugend am "Tag von Potsdam" (21. März 1933) Fackeln für den obligatorischen Umzug auszuhändigen. Auch nannte er Hitler den "künftigen Totengräber Deutschlands" und bestand darauf, die geistliche Leitung des katholischen Jugendbundes Neu-Deutschland (ND) beizubehalten. Das missfiel besonders der örtlichen HJ-Führung. Daraufhin betrieb der Direktor des Gymnasiums gezielt bei staatlichen und kirchlichen Behörden Schneiders Abberufung. Seine Begründung war eindeutig: "Schneider hat nicht die Fähigkeit, als Beamter im Sinne der neuen Zeit richtig zu wirken."
Peter Schneider wurde Ende Mai 1933 an das Bitburger Realgymnasium strafversetzt. Seine strikte Weigerung, dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) beizutreten, weil dieser massiv den Religionsunterricht bekämpfte, und seine Kritik an der HJ-Zwangsmitgliedschaft ab Dezember 1936 brachten ihn in Konflikt mit dem Bitburger NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Dr. Rudolf Obé und dem NSDAP-Kreisleiter Ernst Diedenhofen. Es folgten Verhöre und Verwarnungen, weil Schneider auch von einigen seiner Schüler aus der Hitlerjugend und aus der Bitburger Bevölkerung angeschwärzt wurde. Seitens der bischöflichen Behörde in Trier erhielt der Betroffene kaum Rückhalt, sondern lediglich den Rat zur "Pastorenklugheit", das heißt sich zu mäßigen, möglichst stillzuhalten und vor allem auf rechtliche Schritte mit Berufung auf das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 zu verzichten.
Im Jahr 1937 erreichte der Kirchenkampf seinen Höhepunkt. Nach erneuter Strafversetzung unterrichtete Peter Schneider ab April 1937 an der Wittlicher Cusanus-Schule und half bei Gottesdiensten der Pfarrei St. Markus aus. Die Gestapo hatte den aufrechten Priester schon länger im Visier und schritt ein, als Schneider wegen verschiedener Predigten aus dem Kreise der Gottesdienstteilnehmer denunziert wurde.
"Als Lehrer untragbar"
In der Predigt vom Ostersonntag 1940 in der Hospitalskirche soll er gesagt haben: "Wenn Christus noch auf der Welt wäre, hätte es keinen Krieg, keinen Hunger und kein Elend gegeben. Die heutige Führung hat uns den Krieg gebracht." Einige Wochen später erfolgte eine weitere Anzeige. Schneider wurde der "judenfreundliche" Satz aus einer Schulmessenpredigt zur Last gelegt: "Die Juden sind in allem ein Vorbild gewesen, und man kann sagen, was man will, die Juden haben die Kultur gebracht."
Im April 1941 musste sich Schneider vor dem NS-Sondergericht in Koblenz verantworten. Wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen schien dem Oberstaatsanwalt Dr. Wirz eine Verurteilung nach dem "Heimtückegesetz" von 1934 nicht möglich. Dem Angeklagten wurde lediglich eine scharfe Verwarnung erteilt, und er durfte nur noch zehn Wochenstunden unterrichten. Anschließend wurde ihm ein freiwilliges Ausscheiden aus dem Schuldienst nahegelegt. Eine entsprechende Erklärung zu unterschreiben, verweigerte Schneider dreimal. Anfang September 1941 erfolgte Peter Schneiders Entlassung mit der Begründung: "Als Lehrer und Erzieher der deutschen Jugend im Dritten Reich untragbar."
Peter Schneider wurde auf eine Pfarrstelle in Weiler bei Bingerbrück versetzt. Er selbst nahm sich vor, künftig zurückhaltender zu sein. Doch es gelang ihm nicht. Schon bald hatte er es erneut mit der Koblenzer Gestapo zu tun, wurde Verhören mit Misshandlungen unterzogen und schließlich zu 1000 Reichsmark Geldstrafe verurteilt. Seine kritischen Aufzeichnungen in der Pfarrchronik zum wahren Zustand der "Volksgemeinschaft" in den Kriegsjahren fielen zu Schneiders Glück nicht in die Hände der Gestapo, die ihn wiederholt im Pfarrhaus heimsuchte.
Nach Ende des Krieges kehrte Peter Schneider zurück nach Wittlich, wo er bis März 1960 am Cusanus-Gymnasium die Fächer katholische Religion und Deutsch unterrichtete. Peter Schneider hat nicht ertragen müssen, was sein weitaus bekannterer Namenskollege, der Pfarrer der Bekennenden Kirche Paul Schneider (1897-1939, ermordet im Konzentationslager Buchenwald), aus dem Hunsrück zu erleiden hatte. Aber auch Peter Schneider war - wie der Philosoph Ernst Bloch es genannt hat - ein "Mann des aufrechten Gangs" in einer Zeit, in der Anpassung üblich, Selbstbehauptung, Resistenz und Widerspruch eher die Ausnahme waren. Heute würde man eine solche Haltung einfach als Zivilcourage bezeichnen.