Ein neuer Tempel zur Zeitenwende

Maria Wein-Mehs legte am Dienstag vor 50 Zuhörern in der ehemaligen Synagoge detailliert die kunsthistorische Bedeutung der beiden einstigen jüdischen Gotteshäuser in Wittlich dar. Anlass war die Ausstellung "100 Jahre Synagoge Wittlich".

Wittlich. (sys) Die neue Synagoge sei Zeichen einer Zeitenwende im Synagogenbau, hob Maria Wein-Mehs hervor und zeigte die Unterschiede zu der älteren Synagoge auf, die 1921 abgerissen wurde.

Kirchturmhahn bleibt auf dem Dach



Bevor die jüdische Gemeinde 1910 in den Neubau in der Himmeroderstraße einzog, feierte sie ihre Gottesdienste noch im Kirchenschiff der ehemaligen Kapelle des Hospitals Sankt Wendelin, das sie 1831 für 30 Taler gekauft hatte. Damals lebten 101 Juden in Wittlich.

Sie ließen das Kirchenschiff des barocken Gebäudes nur ein wenig umgestalten, so dass es getrennte Räume für Männer und Frauen gab. Sogar der Kirchturmhahn blieb auf dem Dach.

Weil die Gemeinde wuchs, entschloss sie sich für einen größeren Neubau in der Himmeroderstraße.

Architekt Johannes Vienken konzipierte das Gotteshaus für etwa 300 Gläubige. Mit den aufklärerischen Ideen von Vernunft und Menschenwürde sei ein neues Selbstbewusstsein der Juden aufgekommen.

Die Synagoge wurde laut Wein-Mehs nicht länger versteckt und als Reformsynagoge erbaut, in der alte Traditionen abgelegt worden seien. Sie bezeichnete das Gotteshaus daher als den "neuen Tempel der Juden". In ihm habe Vienken Monumentalstil, Neoromanik und Jugendstil vereint und auffallend kontrastreich Materialien wie Bruchstein und Putz eingesetzt.

Der Architekt habe ein "bedeutendes Kunstwerk" geschaffen. "Die Synagoge müsste in der Stadt Wittlich den Rang einnehmen, der ihr gebührt", schloss Maria Wein-Mehs ihren zweistündigen Vortrag.

Extra Zur Person: Als sie im Nachlass ihres Vaters, des 1976 verstorbenen Wittlicher Bürgermeisters Joseph Mehs, Akten über die Synagoge fand, begann Maria Wein-Mehs über die Juden in Wittlich zu forschen. 1996 hat die gebürtige Wittlicherin das Standardwerk zu dem Thema verfasst. Die pensionierte Lehrerin, die in Trier lebt, ist auch Autorin des Bandes "Die beiden Kultbauten der Juden in Wittlich" (1991) und des Buches "Der jüdische Friedhof in Wittlich" (1993). (sys)