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Ein schwarzer Tag in Wittlichs Geschichte: An Heiligabend 1944 sterben 70 Menschen bei einem Bombenangriff

Ein schwarzer Tag in Wittlichs Geschichte: An Heiligabend 1944 sterben 70 Menschen bei einem Bombenangriff

Unvergessliche Schreckminuten: Acht Augenzeugen haben im Rahmen einer Gedenkveranstaltung in Wittlich erzählt, wie sie vor 70 Jahren den Bombenangriff auf die Stadt erlebten. Nur vier Minuten dauerte der Angriff, bei dem es 70 Tote gab.

Diese Zeitzeugen haben Schlimmes erlebt (von links): Willi Waxweiler, Otto Schaeffer, Käthe Mertes, Heinz Mertes, Maria Weins-Mehs, Marita Schlax, Walter Elsen und Martha Knopp. TV-Foto: Christina Bents

Dicht gedrängt standen und saßen die Besucher der Gedenkveranstaltung zum Bombenangriff auf Wittlich an Heiligabend im Rathaussaal. Willi Waxweiler hatte den Abend vorbereitet. Er zeigte Luftbilder der 260 Bombentrichter aus verschiedenen Bereichen der Stadt und erläuterte den Angriff. Er Angriff begann am 24. Dezember 1944 um 14.28 Uhr und endete um 14.32 Uhr. In diesen vier Minuten warfen 62 Maschinen 1297 Sprengbomben und 18 Brandbomben ab. Das waren insgesamt 168 Tonnen Bombenlast.

Bürgermeister Joachim Rodenkirch wertete die Veranstaltung als Erinnerung und Mahnung, "denn auch in unserer Zeit gibt es Menschen, beispielsweise in Syrien oder Gaza, die das momentan erleben", sagte er. Anschließend sprachen die Zeitzeugen. Bilder zeigten, wie es damals und heute an den Stellen, die sie beschrieben, aussah. Willi Waxweiler machte den Anfang.

Altstadt links der Lieser: Willi Waxweiler berichtete über den Bereich Hochstraße und Kegelbahnstraße, wo er als Kind, den Bombenangriff erlebte. Er war in einem Luftschutzkeller in der heutigen Verbandsgemeinde Wittlich-Land. er konnte wieder zurück in seine Wohnung im zweiten Stock in der Hochstraße. Von dort sah er eine lange Zeit die vielen kaputten Häuser in der Straße. Er sagt: "Der 24. Dezember 1944 ist mein zweiter Geburtstag."

Martha Knopp erlebte den Angriff in der Burgstraße. Sie wollte erst die Flugzeuge zählen, als sie sah, dass diese etwas abwarfen. Der Vater ist dann schnell mit ihr in den Keller. "Bei der zweiten Welle hat alles gezittert, das Haus fing an zu beben. Der Vater hat uns alle umarmt, und die Wand fing an zu bröckeln." Als die Flieger weg waren, verließ sie den Keller. Alles brannte in der Stadt, die Feuerwehr kam, um das Haus Diedenhofen zu löschen, aber der Wasserstrahl gefror. Und der Vater, der beim Technischen Hilfsdienst war, habe gerufen, dass er Klopfzeichen unter den Trümmern, hört, aber man sei nicht an sie herangekommen. "Irgendwann hörte das Klopfen dann auf", sagte die Zeitzeugin.

Käthe Mertes ist 1935 geboren und ging an diesem Nachmittag mit ihrem Großonkel, Gasmaske und Notköfferchen zum Luftschutzbunker. "Als die Bomben fielen, krachte und bollerte es, die Fensterscheiben zerbarsten. Es war dunkel, Gase kamen. Es war schrecklich. Die Menschen beteten und schrien, dann war Totenstille. Nur leises Weinen war zu hören. Dann kamen zwei Männer, einer davon war Dechant Thommes, der fragte, ob es Verletzte oder Tote im Keller gab. Dann segnete er uns." Auf dem Weg zum Stollen sind ihr blutüberströmte Menschen begegnet.

"MAN HAT DIE STADT VOR RAUCH, NEBEL UND DRECK NICHT MEHR GESEHEN."
ZEITZEUGIN MARITA SCHLAX

Maria Weins-Mehs hat Ähnliches erlebt wie ihre Vorrednerin. Ihr Vater hatte mit einem Angriff gerechnet, denn durch Wittlich wurde Nachschub die Front geliefert. Als der Angriff startete, ging ein seltsamer Luftzug durch das Haus. In drei Kellerräumen waren 30 Personen. Ein Sausen, Zischen, Getöse und der Aufprall der Bomben sind Geräusche, die sie nie vergessen wird. "Das bleibt in den Ohren", sagt sie. "Als ich am nächsten Tag über die Trümmer gelaufen bin, war die Stadt für mich tot." Jahrelang hatte sie noch mit Alpträumen zu kämpfen.

Altstadt rechts der Lieser: Walter Elsen beschreibt den Angriff als die schlimmsten Minuten seines Lebens. Das Haus seiner Familie wurde von zwei Bomben getroffen. Er erzählte:"Es war ein sonniger Tag, und der Angriff kam aus heiterem Himmel." Seine Mutter und seine Schwester schmückten gerade den Weihnachtsbaum, als Alarm gegeben wurde. Auf dem Weg zum Luftschutzkeller sind sie vom Luftdruck einer Bombe zu Boden gedrückt worden. "Ich habe gerufen, dass wir sterben. Und alles war dunkel." Aber sie kamen im Keller an. Im vorderen Teil der Kellerräume sind viele Menschen während des Angriffs gestorben. Noch in der Nacht sind sie zu Verwandten nach Salmtal-Dörbach gegangen. "Im Gegensatz zu vielen heutigen Flüchtlingen wussten wir wohin und waren dort auch willkommen", sagt er nachdenklich. Otto Schaeffer war im Bereich Fallerberg-Eiskeller-Bunker, als die Bomben fielen. Im Bunker Rothenberg war es oft langweilig. Ein Feuer brannte, Menschen dösten, Kinder spielten, eine Frau hatte eine Gallenkolik. Aber dann kamen zwei Bombenpulks. Sie sahen die Bomben fallen, die Erde zitterte. Er erinnert sich an die Panik, die Schreie, das Beten, den Schutt und die Totenstille. Auf dem Weg zum Rothenberg hat eine Maschine Bomben abgeworfen, die vier Meter neben ihm einschlugen. Er und seine Familie mussten sich in den Schnee werfen.

Stapelweg: Marita Schlax wollte mit einer Freundin die Hühner füttern gehen, während die Mutter zuhause den Baum schmückte. Fliegeralarme waren normal, deshalb hatte sie auch erst keine Angst, als sie Richtung Stapelweg auf freiem Feld unterwegs war. Erst als sie die Angriffszeichen der Flieger sah, hat sie sich auf die Erde geworfen, mit dem Gesicht in den Schnee. Sie hörte die Bomben fallen, die Explosionen um sie herum. Gefrorene Bodenbrocken fielen auf sie. "Man hat die Stadt vor Rauch, Nebel und Dreck nicht mehr gesehen", erinnert sie sich. Dann traf sie Hans Mertes. Sie sind alle drei zum Pichterberg in den Wald und anschließend im Dunkeln nach Hause gegangen.

Weins-Kapelle-Stapelweg: Heinz Mertes war damals sehr interessiert am Kriegsgeschehen. Bei den Großeltern hörte er die "Stimme Amerikas" (ein Auslandssender der USA) und bekam so mit, dass sich Flieger in Richtung Süd-Westen aufgemacht hatten. Er selbst wollte nicht in einen Keller, sondern fühlte sich auf dem freien Feld sicherer. Er sah die Angriffszeichen und hat sich in einen Graben gelegt. "Die Einschläge waren rechts und links von mir. Es war grausam. Nach den Angriffen haben einige Männer im Bereich zwei Bäche eine Hütte gebaut, weil die Häuser zerbombt waren. Dort lebten die Familien eine Zeit lang", sagt Heinz Mertes.