Glaube im Alltag : Ein Stück Himmel auf Erden

Im November gedenken wir der Toten, sie erinnernd werden sie zu Lebenden, sie erzählend zu Sprechenden, sie spürend zu Handelnden. Als Lebende, Sprechende, Handelnde mahnen sie etwa zu Frieden, Versöhnung, zur Bewahrung der Menschenwürde und Menschenrechte in der Völkergemeinschaft.

Wir brauchen diese Erinnerungskultur angesichts der harten Realität des Todes, um zu begreifen, was wichtig bleibt für unser Leben und für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Ein solches lebendiges Vermächtnis finde ich bei der Theologin Dorothee Sölle. Geschichtsbewusst begann sie ihre Rede 1983 in Vancouver vor der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen: „Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte. Ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und Trauer. Dieser Schmerz über mein Land wächst aus dem Glauben an das Leben der Welt, das mir in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist.“

Wach nahm sie als Theologin die gesellschaftspolitischen Strömungen wahr. Ohne andere zu beleidigen, zu erniedrigen oder zu beschuldigen, suchte sie den Weg der Solidarität und Aufrichtigkeit auf Kirchentagen, bei Protest- und Friedenskundgebungen. Sie setzte sich mutig ein für Gerechtigkeit, sagte nein zu Gewalt, nein zu lebenszerstörenden Hoffnungen, nein zu Ungerechtigkeit, nein zur Zerstörung des Lebensraumes Erde. Sie war eine moderne Prophetin: „Wir brauchen Licht um denken zu können, wir brauchen Luft um atmen zu können, wir brauchen ein Fenster zum Himmel.“ Sie lebte und arbeitete, um ein Stück Himmel auf unserer Erde Wirklichkeit werden zu lassen.

Den Jugendlichen gab sie auf dem Kirchentag in Erfurt einen Segen mit auf den Weg: „Es sei in deinem Leben kein Tag, an dem du völlig alleine bist, an dem du weder ein noch aus weißt, an dem du nur schreien kannst: Ich kann nicht mehr!, kein Tag ohne Schwestern, Brüder und Freunde, ohne den Trost Jesu Christi.“ Dorothee Sölle wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden.

Pastoralreferentin für Erwachsenenbildung im Dekanat Wittlich