Ein Stück Oberammergau für Morbach

Ein Stück Oberammergau für Morbach

MORBACH. Er hat die Oberammergauer Schnitzkunst in den Hunsrück gebracht: Der 1996 verstorbene Morbacher Rudolf Höfle gilt als einer der bedeutendsten Bildhauer der Region. Der TV hat sich auf Spurensuche gemacht und sich mit Sohn Bertram Höfle über den Künstler, dessen Werk in Vergessenheit zu geraten droht, unterhalten.

Wer durch die Ortsmitte Morbachs spaziert und an der Kirche St. Anna vorbeikommt, kann die martialische Szene kaum übersehen: Ein überlebensgroßer, in Sandstein gehauener Sankt Georg tötet mit seiner Lanze einen wild fauchenden Drachen. Es ist das Werk Rudolf Höfles, eines der bekanntesten Bildhauer der Region. Und das Besondere: Es ist die einzige von ihm bekannte Arbeit, die der eigensinnige Künstler signiert hat. "Darauf hat mein Vater einfach keinen Wert gelegt", erklärt Bertram Höfle diese Marotte seines Vaters. Das ist nur ein Grund, warum das Werk des aus Bayern stammenden Bildhauers künftig in Vergessenheit geraten könnte. Denn Höfle hat zudem zeitlebens nie Buch über seine Arbeiten geführt - die genaue Anzahl seiner Werke und wo sie sich befinden ist daher unbekannt.Höfle, der Bayer, liebte Schweinebraten mit Spätzle

Mit Anfang 20 bringt Rudolf Höfle, 1908 in Bad Kohlgrub geboren, die weltbekannte Oberammergauer Schnitzkunst nach Morbach und macht sich mit seinem Können in der Region rasch einen Namen. 1930 fängt er in Morbach als Angestellter an. Der Betrieb mit dem etwas sperrigen Namen "Kirchliche Kunstanstalt, Werkstätten für gediegene Möbel und stilgerechte Renovierung" - im Ort damals als "Kirchen-Mettler" bekannt - ist 17 Jahre lang sein Arbeitgeber. In dieser Zeit lernt er seine spätere Frau, die Morbacherin Franziska Biegel, kennen. Das Paar wird sechs Kinder in die Welt setzen. Die beiden einzigen Töchter sterben allerdings bereits im Kindesalter. Auch wenn Höfle in Morbach heimisch wird, seine bayerische Herkunft spielt zeitlebens eine wichtige Rolle: Nicht nur der Urlaub geht regelmäßig in den Süden, sondern Ehefrau Franziska muss sich auch Wissen über die Zubereitung bayerischer Kost aneignen. Höfles Leibgericht: Schweinebraten mit Spätzle. 1948 wagt Höfle einen großen Schritt. Er kündigt seine Anstellung und macht sich als freischaffender Künstler in Morbach selbständig. Und Höfles Kunst kommt an, vor allem bei der Kirche hat er sich schnell einen Namen gemacht. "Er beschäftigte sich ja fast ausschließlich mit religiösen Motiven", sagt sein Sohn. Außerdem sei die Kirche im Deutschland der Nachkriegszeit ein guter und solventer Auftragsgeber gewesen. "Die konnten immer gleich bezahlen, da musste der Vater nicht lang auf sein Geld warten", erzählt Höfle. Dabei war Rudolf Höfle ein bescheidener Mensch. Denn seinen Arbeitslohn ermittelte er auf eine außergewöhnliche Weise: Gegenüber der alten Schule in Morbach, in der die Familie Höfle wohnte und wo auch das Atelier des Künstler untergebracht war, befand sich damals wie heute eine Bosch-Autowerkstatt. Dort erfragte Höfle regelmäßig den Stundenlohn des Meisters, den er dann auch für seine Arbeit zu Grunde legte. "Die Leute von der Kirche wollten ihm häufig mehr geben, als er von ihnen verlangte", weiß Sohn Bertram Höfle zu berichten. Auch neben dem Beruf und der Familie schlug Höfle in Morbach tiefe Wurzeln: Von 1961 bis 1969 engagierte er sich als Kreistagsmitglied, und 1969 wurde er vom Gemeinderat zum Ersten Beigeordneten Morbachs gewählt. Doch als Künstler und Restaurator war Höfle sogar über die Grenzen der Hunsrückgemeinde gefragt: Die Werke Rudolf Höfles sind in der gesamten Region zu finden - von Köln bis ins Saarland und von Trier bis nach Koblenz. Aber auch im Rest Deutschlands war seine Kunst gefragt. So steht in Rostock beispielsweise eine überlebensgroße Christusgestalt und in Stralsund eine Madonna von Höfle. Die meisten Werke sind jedoch in kleinen Dorfkirchen entlang der Mosel und in der Eifel zu finden. Bis ins hohe Alter hat der Künstler gearbeitet, er war physisch richtig gut drauf: Erst mit rund 85 Jahren war seine Hand nicht mehr ruhig genug für die feinen Schnitzarbeiten. Drei Jahre später, 1996, starb Höfle in Morbach nach einem Schlaganfall.