"Ein Tennisspieler hat ja auch mehrere Schläger"

WITTLICH. Heute vor einem Jahr erschoss der 19-Jährige Sportschütze Robert Steinhäuser in seiner Erfurter Schule 16 Menschen und sich selbst. Die seit dem 1. April geltende Verschärfung des Waffengesetzes ist eine der Folgen dieser Tat - Vorurteile gegenüber Schützenvereinen eine weitere.

"Richtedich nochmal neu ein", sagt Ulrich Jacoby zu Lena.Millimeterweise schiebt sich die 14-Jährige auf der rutschfestenMatte vor. An ihrer Baseballkappe hat sie links und rechts Stückealter Schießscheiben befestigt, damit sie nicht geblendet wird.Der schwere, stabilisierende Stoff ihrer Schießjacke hilft beimRuhighalten ihres Luftgewehrs. Zielen, einatmen, Luft anhalten -Schuss. Wieder links daneben. "Ich hab 'ne neue Visierungdrauf", sagt Lena frustriert. Mehr Worte fallen beim Training derLuftwaffen-Schützen am Wittlicher Schießstand nicht. Jederkonzentriert sich auf seine Waffe, Augen und Ohren sind geschütztvor äußeren Einflüssen. Nur das stoßweise Ausatmen nach denSchüssen und das surrende Geräusch, das die Schießscheibenmachen, wenn sie zur Kontrolle der Einschüsse an Schnüren nachvorne gezogen werden, ist zu hören. "Wir gehören zum Deutschen Schützenbund und machen ausschließlich Präzisionsschießen. Bewegungsschießen oder das Schießen auf menschenförmige Pappscheiben gibt es bei uns nicht", sagt Jacoby. "Bei anderen Verbänden gibt es die Verrückten in Tarnkleidung, die Kampfschießen trainieren allerdings", gibt der Vorsitzende der Wittlicher Schützen zu.

"Protest" steht in großen roten Buchstaben auf Michaels T-Shirt, aber rebellisch wirkt der 14-jährige blonde Junge nicht. "Das Tolle sind nicht die Waffen, sondern dass ich hier zur Ruhe komme, mich konzentriere", sagt er. Mit neun Jahren hat ihn sein Onkel das erste Mal zum Schießen mitgenommen, mit zwölf durfte er nach dem Gesetz endlich mit dem Luftgewehrschießen im Verein anfangen.

"Erst wer zwölf Monate Mitglied im Verein ist und über Leistungsnachweise bescheinigt, dass es ihm um den sportlichen Aspekt geht, bekommt einen Waffenbesitzschein von der Behörde", erklärt die Luftpistolenschützin und Schriftführerin Claudia Graf. So einfach, wie die Medien es oft darstellen würden, sei es nicht, eine Waffe nach Hause zu bekommen. "Und Leute, die nur so lange bei uns Mitglied bleiben, bis sie ihren Besitzschein in der Tasche haben, müssen wir nach dem neuen Gesetz der Behörde melden", fügt ihr Lebensgefährte Jacoby an. Richtig findet er das, denn "dahinter schauen kann man bei niemandem".

Im unteren Schießstand trainieren die älteren Schützen mit ihren Kleinkaliber-Gewehren. In dem dunklen Schuppen riecht es verbrannt und nach Rattengift. "Wir sind reine Sportschützen", sagt Alfred Selzner, der seit 1958 im Verein ist und 1980, 1981 und 1983 mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister im Vorderlader-Schießen war. "Zwei Kleinkaliber, zwei Vorderlader und ein Militärgewehr", zählt sein Kollege die Waffen auf, die er zu Hause hat. "Ein Tennisspieler hat ja auch mehrere Schläger und freut sich über jeden neuen."

Dass das neue Gesetz Attentate wie das Erfurter verhindern kann, glaubendie beiden Schützen nicht. "Die Pumpgun hatte der Junge nicht ordnungsgemäß angemeldet, die Behörde hat das nicht gemerkt und ist nicht eingeschritten", sagt einer. "Solche Missstände verhindert auch kein strengeres Gesetz." Genaue Verordnungen, wie das Gesetz umgesetzt werden soll, sind noch nicht erlassen. Das stößt bei den Schützen auf scharfe Kritik. "Aber unser größtes Problem sind die Nachwuchssorgen", sagt Claudia Graf. Die meisten kämen über ihre Eltern zum Schießen, ganz neue Jungschützen zu finden sei schwierig. "Und an Plakate, die in Schulen für den Schützenverein werben, ist schließlich nicht zu denken", sagt sie.

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