Eine Frage der Erinnerungs-Kultur

"Ermannstraße" wird die neue Straße im Wittlicher Wohngebiet auf dem Kalkturm heißen. Die Namensgebung durch den Stadtrat ging einher mit dem geschichtlichen Rückblick auf das Schicksal einer jüdischen Familie aus Wittlich.

Wittlich. (sos) Nahe dem Friedhof Burgstraße war über 50 Jahre das Stahlhandelsunternehmen Heinrich Lütticken sesshaft. Der Großbetrieb ist umgezogen in die Rudolf-Diesel-Straße. Damit wurde das alte Firmengelände frei für eine neue Nutzung: eine Wohnbebauung (der TV berichtete mehrfach). Dafür wird auch eine neue Straße gebaut. Der Stadtrat hat sie jetzt "Ermannstraße" getauft.

Dazu geplant ist ein Zusatzschild, das an die Geschichte des Ortes erinnert, dessen bauliche Zeugen nun verschwunden sind. Unter anderem wurden Eisenlager, eine Stahlhalle, eine ehemalige Reithalle und Bürogebäude abgerissen. Zum Teil stammte die Bebauung von Vorbesitzern: Vor dem Krieg war das Gelände in jüdischem Besitz der Familie Alfred Ermann. Hier wurden die damals sehr bekannte Schuhcreme Ermin und Bohnerwachs hergestellt.

Wichtige Persönlichkeiten für die Stadt



Daran will die Stadt erinnern. Vorausgegangen war ein Schreiben des Arbeitskreises "Jüdische Gemeinde Wittlich", der den Wunsch formulierte, an die "Chemische Fabrik Wittlich", genannt "Ermin-Fabrik" (so hieß die damals bekannte Schuhcreme), und besonders an die Brüder Alfred und Otto Ermann zu erinnern: Alfred Ermann wurde mit seiner Frau in Sobidor ermordet, Otto Ermann starb in Auschwitz. Beide waren für die Stadt wichtige Unternehmerpersönlichkeiten.

Zur Debatte im Stadtrat standen drei Vorschläge: "Ermin-Straße" (CDU), "Alfred-Ermann-Weg" (FDP) und "Ermann-Bach-Straße" (SPD). Einstimmig beschlossen wurde aber ein Vorschlag von Klaus Petry: "Ermann-Straße". Das FWG-Ratmitglied hatte argumentiert: "Ermin-Straße ist gleich abzulehnen: Man ehrt durch eine Namensnennung kein Produkt, sondern den Hersteller!"

Zu "Ermann-Bach" erklärte er: "Salomon Bach gründete 1882 die Lebensmittelgroßhandlung und die - anfangs sehr bescheidene - Fabrik zur Herstellung von Schmier- und Schuhfetten. 1883 heiratete er Gudella Bach aus Zeltingen, und nachdem ihr - auch gut situierter - Bruder in die Firma eingetreten war, firmierte sie unter dem Namen Ermann-Bach. 1896 kaufte Salomon-Bach die ehemalige Posthalterei am Marktplatz. Unter dem Namen Ermann-Bach ist die Lebensmittelgroßhandlung noch heute den alten Wittlichern bekannt."

Fabrikate in ganz Westeuropa bekannt



1909 sei die "Wichsfabrik" geschäftlich von der Lebensmittelgroßhandlung am Markt getrennt worden und firmierte fortan unter dem Namen Ermann & Co. Kurz vor seinem Tod 1926 ordnete Salomon die Aufgabenbereiche seiner Söhne: Während Willy und Max die Lebensmittelgroßhandlung leiteten, wurden Alfred und der jüngste Sohn Otto persönlich haftende Gesellschafter der Chemischen Fabrik. "Sie bauten die Fabrik zu einem bedeutenden Unternehmen aus, dessen Fabrikate in ganz Westeuropa bekannt wurden! Ihnen gebührt daher die Ehre der Namensgebung", sagte Klaus Petry.

Er erinnerte auch an deren Schicksal: "Um seine Firma trotz der Boykottaufrufe zu retten, verpachtete sie Alfred 1936 an Nazis, die bald die Pachtzahlungen einstellten. Bei Kriegsbeginn am 1. September 1939 waren alle jüdischen Betriebe in Wittlich arisiert. Beide Brüder erhielten nie ihr Geld; sie wurden im Osten ermordet."

Der Name "Alfred-Ermann-Weg" greife zu kurz, da es zwei Brüder waren. "Alfred- und Otto-Ermann-Straße" sei zu lang, deshalb schlage er "einfach Ermann-Straße". Alle Fraktionen trugen diesen Vorschlag mit.