Eine Mauer des Schweigens: Prozess zum Novemberpogrom ohne große Öffentlichkeit und Anteilnahme

Eine Mauer des Schweigens: Prozess zum Novemberpogrom ohne große Öffentlichkeit und Anteilnahme

Anfang November 1938 wurde in Deutschland Jagd auf Juden gemacht - wie überall in der Region auch in Wittlich. Franz-Josef Schmitt. Mitglied des Arbeitskreises Jüdische Gemeinde Wittlich, dokumentiert exemplarisch Schwierigkeiten der späteren Aufklärung, die verheerenden Folgen für jüdische Bürger und wie Täter und Opfer sich in der Nachkriegszeit erinnerten.

Im Mai 1952 beginnen die Vorermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft gegen die beiden hauptverdächtigen Rädelsführer des Wittlicher Pogroms vom 10. November 1938. Den ehemaligen, mit Kriegsende untergetauchten NSDAP-Kreisleiter Walter Kölle hatten kurze Zeit zuvor Reporter der Münchner Illustrierten Revue enttarnt. In der Untersuchungshaft musste sich Kölle, der bis dahin frei von jeglichen Sühnemaßnahmen in verschiedenen Orten Deutschlands unter falschem Namen gelebt hatte, einem "Entnazifizierungsverfahren" unterziehen und wurde als "Belasteter" (Gruppe II) eingestuft.

SA-Standartenführer Fritz Ancel war Ende 1938 seines Amtes enthoben und aus der SA ausgeschlossen worden. Die Briten hatten ihn 1945/46 einige Wochen in Recklinghausen interniert. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung arbeitete er in Essen-Steele als kaufmännischer Angestellter.
In Wittlich trifft der ermittelnde Staatsanwalt auf eine Mauer des Schweigens. In einem Protokoll hält er fest, "daß sich die Aufklärung der Vorfälle am 10.11.1938 unter den gegebenen örtlichen Verhältnissen sehr schwierig gestalten werde, da sich keine Tatzeugen finden ließen", und dass diejenigen, die aussagebereit waren, "noch in Wittlich lebende Teilnehmer der Judenaktion" nicht belasten wollen.

Dabei hatte das Pogrom in Wittlich - wie in den meisten Orten an der Mosel - am helllichten Tag stattgefunden und nicht etwa im Schutze der Dunkelheit. Auch hatte Kreisleiter Kölle dem Gericht glaubhaft versichert, dass er nach etwa 20 Minuten die Räumung des Innenraumes der Synagoge veranlasst hatte, da er aufgrund der großen Menschenmenge und des Durcheinanders fürchtete, Schaulustige und Randalierer könnten durch Herunterreißen oder Werfen von Gegenständen selbst verletzt werden.
Zeitzeugen berichteten, dass sich dem später durch die Stadt ziehenden Zerstörungstrupp etliche Bürger angeschlossen hatten, auch wenn die meisten Wittlicher als passive Beobachter das Geschehen verfolgten.
Von Matthias J. Mehs, der 1933 verhindert hatte, dass Adolf Hitler Ehrenbürger der Stadt Wittlich wurde, sind Tagebuchaufzeichnungen zu den Ereignissen des 10. November 1938 überliefert, die auch Reaktionen aus der Bevölkerung beinhalten: "Eine fromme Frau, entsetzt über die Zerstörung, meinte, es wäre doch besser, alles zu beschlagnahmen, zu versteigern und den Erlös dem Winterhilfswerk zuzuführen."
Die Opfer wurden nicht gehört


Der Kommentar von Mehs, von 1946 bis 1953 ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt und Mitglied des Kreistags, zu dieser "Stimme aus dem Publikum" fällt kurz und deutlich aus: "Echt christliche Scheinheiligkeit und Heuchlerei."
Mehs und der Verleger Georg Fischer gehören zu den wenigen Belastungszeugen im Bonner Prozess vom Juni 1953. Vom Gericht gehört werden auch ehemalige Wittlicher Nazi-Aktivisten und Mitarbeiter der NSDAP-Kreisleitung, die an den einzelnen Tatorten zugegen waren. Alle beharren darauf, weder bei der Verwüstung des Gotteshauses in der Himmeroderstraße oder der jüdischen Schule in der Karrstraße selbst Hand angelegt zu haben noch bei der Demolierung jüdischer Wohnungen und der Drangsalierung der noch etwa 80 damals in Wittlich lebenden Juden mitgewirkt zu haben. Im Übrigen seien sie nur vor Ort gewesen, um persönliche Racheakte und Plünderungen zu verhindern. Dass man die ganze "Judenaktion innerlich missbilligt habe", gehörte nicht nur im Wittlicher Pogromprozess zu den Standardaussagen.
Ein probates Mittel, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen, war auch die Zuweisung der Aktivistenrolle an ehemalige SS- und SA-Leute, die im Krieg gefallen waren. Von den Opfern des Pogroms, sofern sie den Holocaust überlebt haben, war niemand gehört oder nach Bonn geladen worden. So gestaltet sich die Beweisführung gegen Kölle und Ancel, die in der Untersuchungshaft zwar ein Geständnis abgelegt hatten, aber ihre Führungsrolle im Prozess trotzdem herunterzuspielen versuchten, nicht ganz einfach. Die angeblich von Dr. Hürter, in Personalunion Stadtbürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter, verhinderte Inbrandsetzung der Synagoge spielt im Prozess keine Rolle, da nicht einmal Indizien für eine beabsichtigte oder gar vorbereitete Brandstiftung ermittelt worden waren. Kreisleiter Kölle wird vor allem die Rädelführerschaft bei der Verwüstung des Innenraums der Synagoge und der nachfolgenden Aktionen in der Stadt zur Last gelegt, während Ancel wegen seiner Aktivistenrolle bei Pogromtaten in Osann, Hetzerath und anderen Moselorten verurteilt wird.
Das den Juden abgepresste Geld lieferte Ancel bei der Wittlicher Polizeibehörde ab. Eine persönliche Bereicherung konnte ihm nicht nachgewiesen werden.
Der Pogromprozess gegen Kölle und Ancel gehörte zu den letzten, da durch verschiedene Strafamnestien kaum noch Chancen auf Verurteilung von Pogromtätern bestanden und deutsche Staatsanwaltschaften eher geringes Ermittlungsinteresse an den Tag legten. Auch Kölle und Ancel, die zu jeweils 14 beziehungsweise 13 Monaten Gefängnis wegen schweren Landfriedensbruches verurteilt werden, profitieren von der im Laufe der Jahre milderen Urteilspraxis, weil zunehmend strafmildernder Umstände für die Täter einbezogen werden. So etwa, wenn die Urteilsbegründung festhält: "Beide Angeklagten waren durch die Propaganda und die Erfolge des Nationalsozialismus in ihrer Meinungsbildung irregeleitet und dem N.S. Regime weitgehend hörig." Aufgrund einer Amnestie des nordrhein-westfälischen Justizministers werden sie schon nach fünf Monaten aus der Haft entlassen.
Der Vorsitzende Richter Dr. Vohwinkel hatte in seiner Urteilsbegründung eine Feststellung aufgenommen, die zumindest versucht, den Opfern des Pogroms Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: "Anderseits kann nicht verkannt werden, welch ungeheure Schäden die Aktion herbeigeführt hat und welche Angst die verfolgten Menschen sogar um ihr Leben ausgestanden haben, da die Juden ja nicht wussten, wie weit die Aktion gehen würde."
Mehr Anteilnahme konnten die Opfer des Novemberpogroms von deutschen Richtern in der jungen Bundesrepublik nicht erwarten. Das Interesse der deutschen Öffentlichkeit an den Pogromprozessen wird als überwiegend gering eingestuft.
Dem entsprach auch die eher knappe Berichterstattung des "Wittlicher Tageblatts" im Jahr 1953 zum Bonner Prozess: Die Ängste und Qualen sowie materiellen Schäden der Wittlicher Pogromopfer sind der Zeitung damals keine Zeile wert - auch ein nicht untypisches Phänomen der frühen Nachkriegszeit.

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