Eine neue Heimat, ein eigener Ort

Vom Tellerwäscher zum Millionär - das sind Geschichten, die Filmemacher gern fürs Kino erfinden. Aber es gibt auch solche Geschichten, die das Leben schreibt: Wilhelm Winter war ein Kind, als seine Eltern 1829 aus Klüsserath nach Brasilien auswanderten. Wilhelm wurde Grundbesitzer und gründete 1852 eine Siedlung, die nach ihm benannt wurde: Winterschneiss. Mit ihr hat Klüsserath seit 2009 eine Partnerschaft.

Klüsserath/Winterschneiss. Ein mutiger Entschluss, den Jakob und Irmina Winter 1829 fassten: Sie verließen ihre Heimat Klüsserath und wanderten aus. Nicht etwa in ein Land in Europa, sondern die Reise sollte sie über den Atlantik führen. Um Geschichte geht es im siebten Teil der Brasilienserie. Ab 1824 haben Kaiser und Kaiserin von Brasilien bereits in Deutschland um Auswanderwillige werben lassen - für die Kolonisation des spärlich besiedelten Südens des Landes (der TV berichtete). Jakob und Irmina Winter nahmen im Februar 1829 vier ihrer Kinder - zwei waren bereits gestorben - mit an Bord eines Schiffes, das sie von Bremerhaven nach Brasilien brachte. Der Vater überlebte dann die Überfahrt von Rio de Janeiro nach Rio Grande do Sul im Süden des Landes aber nicht. So übernahm Sohn Wilhelm, 1806 geboren, als 23-jähriger junger Mann die Verantwortung für die Familie. Zunächst ließen sich die Winters in Linha Nova nieder. Wilhelm Winter war ein findiger junger Mann, errichtete ein Haus, dessen Dach er als einer der ersten mit gebrannten Ziegeln deckte. Dieses Knowhow machte ihn erfolgreich - noch heute gibt es einige Ziegelfabriken in Bom Principio. Nachdem Wilhelm 1840 Elisabeth Müller geheiratet hatte, kaufte er Land auf. Darauf gründete er 1852 eine Siedlung, in der katholische Siedler eine neue Heimat finden sollten, die aus dem überbevölkerten Ort Portugieserschneiss kamen. Diese neue Siedlung wurde nach ihrem Gründer Winterschneiss genannt. "Schneiss" - dieser Teil des Namens hat mit der Art der Besiedelung des Landes zu tun: Die Siedler schlugen gerade Linien in den Urwald, die man "Pikade" oder "Schneiss" nannte. Unterteilt in Abschnitte wurden den Siedlern so entlang der "Schneiss" ihre Grundstücke zugeteilt.Winterschneiss, das heute in der Landessprache Bom Principio heißt, ist zu einem Industriezentrum geworden, in dem viele Möbel- und Ziegelfabriken ansässig sind. Außerdem ist die Stadt eine Erdbeer-Hochburg: Es gibt eine Erdbeerkönigin, und jedes Jahr wird ein Erdbeerfest gefeiert. Der Stadtgründer starb 1890.Viele der 12 000 Einwohner von Bom Principio sind Nachfahren der deutschen Siedler. 10 000 Menschen sprechen dort noch moselfränkischen Dialekt, das sogenannte Hunsrück-Deitsch. Die Sprache hat sich in den knapp 200 Jahren seit der Einwanderung nicht verändert, für moderne Geräte exisitieren keine Begriffe in dem Dialekt. So nennen die Winterschneisser einen Bagger etwa Schippmaschine, ein Flugzeug ist ein Luftschiff und ein Fotoapparat eine Bildermaschine. Schaut man in das Telefonbuch der Stadt, liest man seitenweise deutsche Namen: Hartmann, Hoff, Müller, Schneider, Schmidt. "Die Winterschneisser haben sich auf die Suche nach ihren Wurzeln und ihrer Kultur gemacht", sagt Norbert Friedrich, ehemaliger Ortsbürgermeister von Klüsserath, wo noch das Geburtshaus von Wilhelm Winter steht. 2005 haben sich die Winterschneisser an die Verbandsgemeindeverwaltung Schweich gewendet. Damals liefen die Vorbereitungen zur 180-Jahr-Feier der Einwanderung in Brasilien und Heimatforscher in Winterschneiss hatten sich auf die Spurensuche gemacht. Die Anfrage landete auf dem Schreibtisch des Klüsserather Ortschefs, der sich an die Nachforschungen unter anderem im Bistumsarchiv machte und auf Geburts- und Tauf einträge von Winter stieß. Damit war der Grundstein für eine Partnerschaft gelegt, die die beiden Gemeinden 2009 offiziell besiegelten. "Das sind Verwandte", beschreiben Norbert Friedrich und seine Frau Brigitta das Gefühl, das sie mit den Brasilianern verbindet. "Sie sprechen wie wir, Leute fallen sich um den Hals, wenn sie auf Menschen treffen, die die gleichen Vorfahren haben." Das Erlebnis, als sie auf die erste Reise über den Atlantik gingen, beschreiben sie als "puren Wahnsinn". Seither gibt es einen regelmäßigen Austausch, Klüsserather besuchen Winterschneiss, Brasilianer sind an der Mosel zu Gast, 278 Winterschneisser werden es in diesem Jahr sein. "Es sind mittlerweile viele Freundschaften entstanden", sagt Friedrich. Und in jeder der Gemeinden erinnert eine Gedenktafel an die Verbindung der beiden Orte. Auch über den Gaumen lassen sich die beiden Orte erkunden. Brigitta Friedrich hat 2010 begonnen, alte Rezepte aus Klüsserath und Winterschneiss zu sammeln, und hat sie in einem Büchlein zusammengestellt. Nicht nur brasilianische Gerichte finden sich im Winterschneisser Teil, sondern auch Rezepte von deutschen und moselfränkischen Speisen (siehe Extra). Extra

Rezepte aus Winterschneiss Kartoffelkichelcher Zutaten: 1 Kilo Kartoffeln, 1 ganzes Ei , 1 Tasse Weizenmehl, Petersilie, Schnittlauch und Zwiebel (so viel man will), Schmalz. Zubereitung: Die Kartoffeln zerreiben und die Flüssigkeit rauslaufen lassen. In einer Schüssel Kartoffeln, Ei, Mehl und Salz mit den geriebenen Zwiebeln und den Kräutern mischen. Es muss so viel Mehl sein, dass der Teig so steif ist, dass der Teig vom Löffel fällt. Im Schmalz die Kichelcher braten, bis sie "goldich" sind . Churrasco Misto Zutaten: (für acht bis zehn Personen): 500 Gramm Lingüiça (spezielle Wurst, die mit Paprika und Knoblauch gewürzt wird; ersatzweise Mettenden oder spanische Chorizo), 1 Hähnchen mit Innereien, 1 Kilo Schweinelende 1 Kilo Rinderlende. Zubereitung:Schweine- und Rinderlende mit grobem Salz einreiben und in großen Stücken auf Metallspieße stecken und unter ständigem langsamen Drehen grillen. Auch die Wurst und das Huhn grillen. Beim fertig gegrillten Fleisch wird die Salzkruste abgeschlagen, das Fleisch portionsweise vom Spieß abschneiden und heiß servieren: zuerst die Lingüiça, dann das Hähnchen, das Schweinefleisch und schließlich das Rindfleisch. Quelle: Brigitta Friedrich, "Alte Rezepte aus Klüsserath und Winterschneiss in Brasilien"