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"Eine schwere und schreckliche Krankheit, aber es gibt Hoffnung"

"Eine schwere und schreckliche Krankheit, aber es gibt Hoffnung"

Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland, rund fünf Prozent der Bevölkerung, leiden nach Schätzungen unter Depressionen. Das Bündnis gegen Depression im Kreis Bernkastel-Wittlich will mit verschiedenen Informationsveranstaltungen das Bewusstsein für die Krankheit schärfen.

Wittlich. "Musik als Kontrapunkt zum schweren Thema", mit diesen Worten bedankte sich Dr. Michael Lammertink beim Musizierkreis der Akademie Kues für die Zwischenmusik bei den von rund 150 Zuhörern besuchten Vorträgen zur Volkskrankheit Depression im Wittlicher Kreishaus. Die gerade gespielte Musette habe eine gewisse Schwerelosigkeit, hatte Dirigent Hans-Ortwin Neuberger erklärt.
Kurz vor dem Suizid gerettet


Auf die leichte Schulter nehmen kann man Depressionen aber nicht. Das wurde schon bei Dr. Sören Risses einleitenden, fiktiven Fallbeispiel klar: Lars Schenke wird von seinem Vater in den ungeliebten Beruf des Buchhalters gedrängt. Als seine Beziehung zerbricht, kann sich der junge Mann immer schlechter motivieren, zur Arbeit zu gehen. Irgendwann dreht er auf dem Firmenparkplatz um und nur der Anruf einer besorgten Kollegin verhindert einen möglichen Suizid. Sören Risses Geschichte schließt mit einem Happy End. Lars Schenke lässt seine Depression behandeln.
Das war auch die Botschaft des Traben-Trarbacher Neurologen und von Dr. Lammertink: "Depression ist eine schwere, schlimme und schreckliche Krankheit, aber es gibt auch immer Hoffnung", sagte der Chefarzt der psychiatrischen und psychotherapeutischen Abteilung am Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich. Lammertink favorisiert dabei die Psychotherapie vor Medikamenten, sagt aber auch: "Das ist harte Arbeit. Das geht nicht von heute auf morgen. Es geht auch darum ganz konkret Probleme anzugehen und auf Fähigkeiten zurückzugreifen, die der Patient hat."
Wieder einen geregelten Alltag bewältigen zu können, kann ein Ziel sein. "Schon Zähneputzen kann anstrengend sein, wie ein 1000-Meter-Lauf", erzählte Lammertink. Antriebslosigkeit, Desinteresse, Freudlosigkeit und eine tief niedergedrückte Stimmung können Anzeichen für eine Depression sein. Diese Symptome müssen über mindestens zwei Wochen vorliegen. "Wer mal ein schlechtes Wochenende hat, hat noch keine Depression", sagte Lammertink.
Umgekehrt werde die wirkliche Erkrankung oft nicht ernst genommen. Dabei ist Depression keine Modekrankheit, sondern bereits seit mehr als 2000 Jahren bekannt. Und es kann jeden treffen. Wen es trifft, ist kein Versager. So erkrankte Marie Curie 1912, ein Jahr, nachdem sie den Chemie-Nobelpreis erhalten hatte. Winston Churchill verglich die Depression in seinen Tagebüchern mit einem schwarzen Hund auf seiner Schulter. teu
Extra

Hilfe und Beratung: Bei Verdacht auf eine Depression empfiehlt Dr. Michael Lammertink den Hausarzt als ersten Ansprechpartner. Am Standort Wittlich des Verbundkrankenhauses Bernkastel/Wittlich gibt es außerdem die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, die weiterhelfen kann, Telefon 06571/151501. Informieren und beraten lassen kann man sich außerdem beispielsweise beim sozialpsychiatrischen Dienst der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich, Telefon 06571/140, den Gemeindepsychiatrischen Betreuungszentren in Bernkastel-Kues, 06531/972928 und Wittlich 06571/1472983 oder der Lebensberatung Wittlich 06571/4061. Projekt Aufwind: Im Projekt Aufwind kümmern sich Freiwillige um Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, wie beispielsweise Depression. Es geht dabei vor allem darum, dass die Betroffenen Kontakte haben: in Gesprächen, bei Ausflügen oder Besuchen kultureller Veranstaltungen. Gedacht sei es als Angebot, das Profis nicht bieten können. "Es ist immer anders, wenn das Gegenüber bezahlt wird. Das ist nicht echt", erklärt der Leiter des Bernkastel-Kueser Leistner-Hauses Christian Knopp. Knopp in Bernkastel-Kues (Telefon 06531/972928) und Christian Gippert in Wittlich (Telefon 06571/1472982) informieren näher und vermitteln Kontakte. teu