Einmal im Leben das Meer gesehen

WITTLICH. 40 Jahre hat sie im Keller verbracht, so viele, dass sie sich selbst scherzhaft als "Kellerkind" bezeichnet. Anfang des Monats übergab Walburga Boor den Getränkemarkt an der Lieser an Sohn und Schwiegertochter.

Es gibt Menschen, die freuen sich aufs Altenteil. Zu denen gehört Walburga Boor nicht. Im Gegenteil: Sie muss sich erst daran gewöhnen, woanders als zwischen ihren Getränkekisten zu sitzen und das Kleingeld auf den Cent zurück zu geben. Obwohl sie in dieser Beziehung manchmal ein Auge zudrückte, hier einer allein erziehenden Mutter den Betrag abrundete, da einer bedürftigen Witwe eine Flasche dazulegte. Die Umstellung auf den Euro war nicht die erste finanztechnische Hürde, die sie nehmen musste. Schon die erste Währungsreform stellte einen Einschnitt im Leben der damals noch Walburga Schruden dar: Mit diesem "Kopfgeld" begann die Familie, die Scheune am Mühlenteich zum Wohnhaus umzubauen. Heute lebt Walburga Boor, die in wenigen Tagen 73 wird, dort im ersten Stock, darunter eine Enkelin, im Keller haben Sohn Axel und Schwiegertochter Birgit den Getränkemarkt übernommen. Nichts bleibe eben, wie es war, auch in ihrer Heimatstadt nicht. "Schöner war es im kleinen Wittlich", sagt sie achselzuckend, wenn auch nicht gerade im Krieg. Bei Fliegeralarm sollte sie samt kleinem Bruder nach Hause kommen und nicht in dem Gewölbekeller unter dem Freckmann-Turm am Marktplatz Zuflucht suchen, in dem alle anderen Kinder eingesammelt wurden: Die Mutter glaubte, es wäre außerhalb sicherer. Wenn Walburga Boor von den Glocken erzählt, die im Mai 1945 den Frieden einläuteten, bekommt sie eine Gänsehaut. Die Amerikaner kamen vom Pichterberg her, mit ihnen der erste Farbige, den sie sah, und der ihnen das Schruden´sche Fahrrad auf dem Hof zu Schrott fuhr. Gerne wäre sie Lehrerin geworden, aber dafür reichte das Geld nicht. Immerhin durfte sie später hier und da kranke Lehrer vertreten. Ansonsten absolvierte sie, als das Bombenwerfen endlich vorbei war, eine Ausbildung zur Kontoristin im Verlag von Georg Fischer, dessen Schrift nur sie allein entziffern konnte. Das Wittlicher Wörterbuch geht auf das Konto der beiden. Zur Prüfung fuhr Walburga mit dem Zug nach Trier, die zerschossenen Scheiben noch Ende der 40er Jahre ersetzt durch "Hitlerglas", irgendein milchglasfarbenes Zeug, das wenigstens die Kälte abhielt. Licht gab es keines: Für junge Wilde eine willkommene Gelegenheit zum Knutschen in den Tunnels. 1957 heiratete sie Franz Boor, den damals jüngsten Müllermeister von Rheinland-Pfalz. "Watt war ich stolz auf datt Kerlchen!" Drei Kinder bekamen die beiden, die nach einem kurzen Intermezzo bei Hildesheim nach Wittlich zurückkehrten. Franz wurde "Bierkutscher". "Warum nicht?" Urlaub kennt Walburga Boor, die 40 Jahre lang im Getränkevertrieb gearbeitet hat, nicht. "Einmal im Jahr schenkt Detlef und seine Familie mir einen Sonntag", erzählt sie. Dann erwarten sie Überraschungsfahrten in den Schwarzwald, an die Sieg, an die Lahn, ja, und einmal hat sie sogar das Meer gesehen. Und dann der Flug nach Bergamo! Oh Gott, im strömenden Regen sei sie herumgelaufen, aber der kleine italienische Kaffee, wie heißt der noch gleich, der hat wahrhaftig gut geschmeckt. Sie vermisst das Reisen nicht, sie habe doch wirklich auch hier viel erlebt. Sonntags in die Weinberge gelaufen, oder entlang der Lieser, wo jene Bank steht, auf der sie einst mit ihrem Franz geschmust hat. Laufen kann sie nicht mehr gut, dafür Autofahren, das sie mit 50 Jahren erst lernte. Das ermöglicht ihr immer noch eine gepflegte Mobilität. Sieben Enkel hat Walburga Boor, und alle halten engen Kontakt zur Oma, selbst der eine, der nicht in Wittlich wohnt. Was sich die Frühaufsteherin noch wünscht? "Dass es meinen Kindern gut geht", sagt sie wie aus der Pistole. Und ihr Städtchen, das liegt ihr am Herzen. Trotz der Zeitenwende, die zweifellos überall stattfindet, solle man doch das Bild der Innenstadt nicht verschandeln und an die kleinen Geschäfte denken, bevor es zu spät sei.