Einsiedler Friedmunt Sonnemann: Von einem, der auszog, um frei zu sein

Einsiedler Friedmunt Sonnemann: Von einem, der auszog, um frei zu sein

Aussteigerserie: Als Friedmunt Sonnemann mit 24 Jahren in die Einöde zieht, will er sich nichts mehr vorschreiben lassen. Er lebt im Wald, in einer Lehmhütte ohne Wasser und Strom. Doch mit den Jahren merkt er, wie schwer es ist, den Zwängen der Gesellschaft zu entkommen.

Das beklemmende Gefühl ist mit einem Schlag weg. Die Arbeitskollegen, die sein Vater zum 60. Geburtstag eingeladen hat, stören sich weder an Friedmunt Sonnemanns langem Bart, noch verurteilen sie sein Leben als Einsiedler. Sein Vater war vor der Feier so nervös gewesen, dass er ihn, seinen erwachsenen Sohn, darum gebeten hatte, "gewisse äußere Formen" zu wahren. Sprich: sich ein frisches Hemd anzuziehen und sich zu kämmen. Neben den anderen Söhnen, die mit Berufen wie Architekt oder Mathematiker aufwarten können, sollte der Samenzüchter und Einsiedler Friedmunt Sonnemann möglichst wenig unangenehm auffallen.Wie viel Anderssein die Leute ertragen

Zur Überraschung des Vaters zeigen sich die Gäste beeindruckt: Sie wollen wissen, wie es sich mitten im Wald lebt, ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Und was Sonnemann zur genetischen Vielfalt von Nutzpflanzen zu sagen hat. Am Auftreten des Einsiedlers lässt sich studieren, wie viel Anderssein Leute ertragen. Und damit, wie viel Freiheit sie anderen Menschen zugestehen.

Multimedia-Reportage zur Serie

Dort, wo er seit 27 Jahren zu Hause ist, gilt es nicht, Konventionen einzuhalten und Erwartungen zu entsprechen. Wenn der zierliche Mann mit den langen Haaren barfuß auf seinem Acker kniet und mit der Hand Kohlrüben in die feuchte Erde setzt, gibt es niemanden, der über sein Tun richtet. Was rund um seine Lehmhütte im Wald bei Bernkastel-Kues passiert, bestimmt allein er - das jedenfalls war der Plan des jungen Friedmunt, als er 1990 die "Königsfarm" übernahm.Nicht der Erste

Doch selbst an diesem Ort, weit draußen im Wald, wird er Jahre nach seinem Einzug merken: Auch hier hat die Freiheit Grenzen. Die Einsamkeit haben schon viele Menschen vor Sonnemann gewählt. Den meisten ist gemein, dass sie nach ihren eigenen Werten und Regeln leben möchten. Viele Einsiedler suchten nach einem Leben, in dem sie Gott nahe waren, etwa die Eremiten des Christentums. Sonnemann begeht zwar hinduistische Rituale, um die Fruchtbarkeit seiner Pflanzen zu steigern, aber sein Ausstieg aus dem "normalen" Leben hatte andere Gründe.

Bereits in seiner Jugend stößt sich Sonnemann an den Grenzen, die andere ihm setzen. Auf dem Gymnasium in Köln will sein Deutschlehrer vor der Klasse den Staudamm, den Bertolt Brecht in "Der gute Mensch von Sezuan" auftauchen lässt, als nützlich anpreisen. Der junge Sonnemann entgegnet: So ein Staudamm sei eine ökologische Katastrophe, er versalze die Böden und mache sie unfruchtbar. Der Lehrer empört sich über den Widerspruch. Der heute 51-jährige Sonnemann sagt: "Wir Schüler sollten die Ansichten der Lehrer übernehmen - abweichende Meinungen waren nicht vorgesehen." Das sagt er so laut und so deutlich, als stünde er auf einer Bühne. Blickkontakt mit seinem Gegenüber meidet er. Früher durfte man Aristoteles nicht hinterfragen, sagt er. Die Heilige Schrift schon gar nicht. Heute sind es eben Einstein und die Großen der Literatur.So sah Sonnemanns Ausbildung aus

In der Schulzeit ahnt Sonnemann bereits, wohin es ihn zieht. Mit dem Fahrrad verschwindet er immer wieder in Richtung Felder. Oft streift er durch die Wälder rund um den Kölner Vorort, in dem er aufwächst. Aber wie ein eigenständiges Leben in der Natur aussehen könnte, das wird ihm erst später klar. Zunächst schließt er sein Abitur mit einer 2,1 ab - trotz aller Abneigung gegenüber dem "unbrauchbaren Stoff". Nach seinem Zivildienst beginnt er zu begreifen, wohin die Reise für ihn gehen kann. Trotz allen Drängens der Eltern, ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen, arbeitet er über mehrere Jahre auf Biohöfen in ganz Deutschland. Er lernt alles, was man wissen muss, um selbst Landwirtschaft zu betreiben.

1990 ist er bereit für sein neues Leben. Er übernimmt die im Wald gelegene "Königsfarm" zunächst alleine; nach einem Jahr zieht seine Frau nach, mit der er bis zur Trennung 14 Jahre in dem kleinen holzbeheizten Lehmhaus wohnen wird. Sie bekommen eine Tochter und einen Sohn. So abgelegen ihr neues Zuhause liegt, Sonnemann besucht weiterhin seine Eltern, verkauft die Gemüsesamen, die er züchtet, auf Märkten und engagiert sich in der Öko-Partei ÖDP. Auf den Tisch kommt selbstangebautes Gemüse - aber auch Brot, Öl und Aufstriche, die ihm eine Biohändlerin wöchentlich liefert. "Ich wollte nicht jeglichen Kontakt abbrechen", sagt er. "Mir war es nur wichtig, dieses fremdbestimmte Leben hinter mir zu lassen und in der Natur zu leben." Sonnemann ist ein Mensch, der seine Worte mit Bedacht wählt. Im Zweifelsfall überlegt er lieber ein paar Momente, um dann die richtige Formulierung zu treffen.Strom soll draußen bleiben

Nach der Trennung zieht seine Frau mit den Kindern aus, dafür leisten ihm wechselnde Mitstreiter je für ein paar Jahre Gesellschaft. Vor zwei Tagen ist wieder ein neues Paar auf die "Königsfarm" gezogen, das gleich neben seiner Hütte in einem eigenen Häuschen wohnt. Frisches Wasser liefert hier eine Quelle, die 200 Meter neben dem Haus sprudelt. Auf Strom verzichtet Sonnemann, weil der ihn körperlich belaste: "Kopfweh, Schwindel, solche Sachen."Wie frei kann man leben?

Foto: Benedikt Laubert

Doch alle Fremdbestimmung kann er selbst hier, weit draußen, nicht abschütteln. Gerade einmal 400 Meter von seinem Biohof entfernt, planieren Bauarbeiter zurzeit einen breiten Streifen Land für die B 50, auf der einmal täglich hunderte Autos vorbeirasen und für Lärm und Dreck sorgen werden. Und seit ein paar Monaten rücken ihm die Öffentlich-Rechtlichen auf die Pelle. Sie verlangen von ihm eine Rundfunkgebühr, "obwohl ich nicht einmal Strom habe, mit dem ich einen Fernseher betreiben könnte", klagt er. Selbst für die meisten Samen, die er züchtet, gibt es strenge Regeln. Bevor sie verkauft werden können, müssen sie einer aufwendigen Sortenprüfung unterzogen werden. Er könne seine Produkte nur verkaufen, weil die Ämter bei den Kleinanbietern zurzeit ein Auge zudrückten, sagt Sonnemann.

Wenn Friedmunt Sonnemann aber kurz vor Sonnenaufgang aufsteht, um bei seinem Agnihotra-Ritual Reis in einer Feuerschale zu opfern, und dann barfuß auf seinen Acker geht, wirken diese Probleme weit weg. Meistens ist er hier selbst Herr über sein Leben. Nur ab und an wird er daran erinnert: Ganz frei - das geht in Deutschland nicht.

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Eigentlich erwartete der Autor Benedikt Laubert, einen Menschen zu treffen, der nur raus will. Doch der Besuch bei Friedmunt Sonnemann hat ihm gezeigt: Es gibt mehr als nur Gesellschaft oder Einsamkeit. Sonnemann versucht, frei zu leben und selbst über alles zu bestimmen. Gleichzeitig pflegt er den Kontakt zu seiner Familie und tauscht sich mit anderen Samenzüchtern und Naturschützern aus.
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INTERVIEW ZUR SERIE
Wie tickt jemand, der eine Welt verlässt und in eine neue eintritt? Der TV stellt den Aussteigern aus der Serie Raus! drei Fragen:

Was würden Sie machen, wenn Sie 50 Euro auf der Straße finden würden?

FRIEDMUNT SONNEMANN: Wenn ich nicht weiß, wem sie gehören: mitnehmen. Was ich davon kaufen würde, weiß ich aber noch nicht, denn Geld spielt in meinem Leben keine große Rolle. Ich bin zum großen Teil Selbstversorger.

Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag lang König von Deutschland wären?

SONNEMANN: Ich würde den Bau des Hochmoselübergangs stoppen, alle Subventionen für die Luftfahrt streichen und den ökologischen Landbau fördern.

Was soll einmal auf Ihrem Grabstein stehen?

SONNEMANN: Ich nehme mich und meine Person nicht so wichtig. Was dort stehen soll, müssen meine Nachfahren entscheiden.

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