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Elf Folgen - 16 Stunden - 28 000 Meter Film

25 Jahre "Heimat". Das Simmerner Pro-Winzkino feiert das Jubiläum des international renommierten Films von Edgar Reitz mit einer zweitägigen Aufführung. Die Stadt Simmern will ihrem Ehrenbürger bei dieser Gelegenheit zum 77. Geburtstag gratulieren. Ansonsten ist die Erinnerung an den ersten Teil der Filmsaga eher verblasst. Von Peter Kuntz

Hunsrück. Welche Region hat so etwas vorzuweisen? Auf 28 000 Metern Film, in elf Folgen und 16 Stunden Sendezeit ist der Hunsrück einer der Hauptdarsteller in Edgar Reitz' erstem Teil der Film-Trilogie "Heimat". Auch wenn es nicht seine Intention war, wie er selbst sagt: Reitz erzählt in "Heimat" auch die Geschichte des Hunsrücks und trägt seinen Namen nach Europa und in die Welt.

19 Monate lang hatten sich Edgar Reitz und Michael Steinbach in die Abgeschiedenheit eines Woppenrother Hauses zurückgezogen, um Material für das Drehbuch zu sammeln, Fotos zu betrachten, Zeitungsberichte zu lesen und mit Menschen in den Dörfern zu reden. Dass sie mit ihrem Buch den Grundstein für ein Filmwerk von solchem Umfang und solcher Güte legen würden, ahnten Reitz und Steinbach vielleicht selbst nicht, als sie im Januar 1979 mit dem Schreiben begannen.

Am 1. Mai 1981 fiel die erste Klappe für "Heimat". 3900 Haupt-, Nebendarsteller und Komparsen standen vor der Kamera, bis Edgar Reitz dann, am 1. November 1982, nicht nur seinen 50. Geburtstag, sondern auch den Abschluss der Dreharbeiten feierte.

Knapp zwei Jahre später erlebte die erste "Heimat" ihre Premiere beim Filmfest in München - und ein überschwängliches Echo bei den Kritikern. "Würde ein Lebewesen von einem fernen Planeten uns die Frage stellen, welche Filme man sehen müsste, um Auskunft zu bekommen über Deutschland im 20. Jahrhundert, so würde der Heimat-Zyklus von Edgar Reitz wohl zu den wichtigsten Empfehlungen gehören", schrieb die Süddeutsche Zeitung in München.

Nationale und internationale Medien würdigten das Epos als "Meisterwerk", "vollkommenen Film", "seltenen Glücksfall". Preise und Auszeichnungen ließen nicht auf sich warten. Im eigenen Heimatland galt der in Morbach geborene Filmprophet nicht allen als Heilsbringer. Besorgte Gemüter fühlten sich in "Heimat" als Hunsrücker Hinterwäldler abgebildet oder nahmen an freizügigen Szenen Anstoß. Weniger Kleinmütige - die deutliche Mehrheit - erkannten die Erzählkunst des Edgar Reitz und die Bedeutung dieses Films für die Region sehr wohl.

Journalisten aus vieler Herren Länder durchstreiften den Hunsrück auf der Suche nach Drehorten, Schauspielern, Requisiten und nach Antworten auf eine neue Heimat-Diskussion, die Reitz mit seinem Epos auslöste. Reiseleiter trieben wie selbstverständlich nicht nur an der lieblichen Mosel, sondern auch im herben "Schabbach" Tagesausflügler aus den Reisebussen.

Der Hunsrück wusste mit seiner neuen Popularität wenig anzufangen. Den Tourismus vermochte der "Heimat"-Boom nicht aus dem Dornröschenschlaf wachzuküssen. Es fehlte nicht an kreativen Köpfen, die Konzepte für eine touristische Nutzung entworfen hätten. Es fehlte aber an Fremdenverkehrs-Infrastruktur und an strategisch denkenden Entscheidern, die solchen Ideen auf Dauer zum Erfolg verholfen hätten.

Wer sich heutzutage im Hunsrück oder am Mittelrhein auf die Spuren von "Heimat 1" oder "Heimat 3" begibt, sollte sich zuvor ausreichend informiert haben. Er wird vielerorts Hinweise auf einen fragwürdigen Räuberhauptmann namens Schinderhannes treffen. Die Reliquien der Reitz'schen "Heimat" spielen im Alltag der Hunsrücker kaum eine Rolle. So ebbte das "Heimat"-Boomchen so schnell ab, wie es den Hunsrück vereinnahmt hatte. Zumal der zweite Teil der Trilogie - 1992 uraufgeführt - wenig räumliche Bezüge zum Hunsrück hatte und die überwiegend am Rhein und im Hunsrück gedrehte dritte "Heimat" vor fünf Jahren bei Publikum und Kritik keine solche Aufmerksamkeit erregte.

Ein Vierteljahrhundert wird zwischen der Erstausstrahlung und der Wiederaufführung liegen, wenn im Simmerner Pro-Winzkino am 31. Oktober und 1. November Heimat 1 in voller, 16-stündiger Länge auf der Kinoleinwand wiederbelebt wird.

Wer weiß, wie es in der Heimat der "Heimat" um das Andenken an diesen außergewöhnlichen Film bestellt wäre, wenn es nicht von dem aktiven und kreativen Team des Pro-Winzkinos hochgehalten würde?

Wer nach Gründen für den zurückhaltenden Umgang der Hunsrücker mit der "Heimat" sucht, findet einen im Film selbst. In den Figuren der ehemaligen Berliner Bordell-Betreiberin Luzie und ihrem bodenständigen und verstockten Ehemann Eduard Simon - ein Hunsrücker eben. Mit ihrem Grundsatz "Mensch Eduard, hier bringen wir wat zum Loofen" hilft sie dem unbedarften Gatten ständig neu auf die Sprünge und die Stufen der Karriereleiter. Eine Luzie ist dem regionalen Tourismus, aber auch dem Selbstverständnis mancher Hunsrücker, bis heute nicht über den Weg gelaufen.