Energie aus dem Bauchnabel der Welt

WITTLICH. Oft geträumt, doch selten verwirklicht: Anette Jondral nutzte ihr Sabbatjahr für eine Reise um die Welt: Zehn Monate war sie zwischen Alaska und Feuerland unterwegs.

Einmal ganz etwas anderes tun, völlig unabhängig sein, nur in den Tag hinein leben: Viele kennen diesen Traum, wenige setzen ihn um. Anette Jondral, Lehrerin am Peter-Wust-Gymnasium, hat sich getraut. Sie hat nicht einfach Ferien gemacht, sondern eine wirkliche Reise - in fremde Länder und zu sich selbst. "Ich hatte auf der Reise immer ein Gefühl von Geborgenheit", sagt sie rückblickend. Nichts Schlimmes ist ihr zugestoßen; kein Raub, kein Überfall, keine Lebensmittelvergiftung. Mit nach Hause gebracht hat sie stattdessen 3000 Fotos und einen unschätzbaren Korb voller Erinnerungen. Und insgesamt schätzungsweise 50 000 Kilometer mit allen nur denkbaren Transportmitteln zurückgelegt. Nun ist sie wieder da und unterrichtet am PWG. Doch eine solche Reise bleibt nicht ohne Wirkung. Jondral kann sich vorstellen, noch einmal ein Sabbatjahr zu nehmen. "Vielleicht gehe ich aber auch in den Auslandsdienst", spekuliert sie. Schulen hat sie sich auf ihrer Reise genügend angeschaut, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen außerhalb von Europa machen zu können. Es fing schon vielversprechend an. Als sie nach Frankfurt fuhr, um ein One-World-Ticket (die auf den einzelnen Kontinenten zu bereisenden Segmente werden im Vorhinein verbindlich festgelegt) zu erwerben, fand sie die Stadt plakatiert mit dem Wahlspruch zum damaligen Kirchentag: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Dieser Satz wurde zum Leitsatz für die kommenden zehn Monate. Auf dem Rucksack sind die wichtigsten Orte ihrer Reise ablesbar: Neuseeland, Galapagos, Ayers Rock, Machu Picchu, Osterinseln und Ushuaia (Feuerland). Das waren die Ziele, die die größte Faszination auf die Weltenbummlerin ausübten. Anette Jondral legt bei der Beschriftung der Stationen im Fotoalbum Wert darauf, neben die - allgemein bekannte - englische Ortsbezeichnung auch den Namen zu schreiben, den die (eingeborene) Bevölkerung ihrem Ort gibt. Ihre Gedanken: Beim vereinheitlichenden Amerikanisieren stiehlt man ein Stück der Ursprünglichkeit ihres Lebens, und genau diese wollte sie mit eigenen Augen und Ohren erleben.Auge in Auge mit den Seelöwen

Beim Erzählen fällt es ihr schwer, in der Reise-Chronologie zu bleiben. Sie sitzt zwischen Landkarten, Fotos, kleinen (leichten) Souvenirs und Reiseberichten, die sie von Zeit zu Zeit per Email zu ihren Liebsten nach Wittlich schickte, und versucht, in ihren Schilderungen den roten Faden nicht zu verlieren. Sie fühlt sich "unendlich beschenkt und beglückt". Auge in Auge mit den Seelöwen schwamm sie vor den Galapagos-Inseln und saß am Strand, als eine Riesenschildkröte zur Eiablage aus dem Meer kroch. Nie wieder, glaubt sie, wird sie einen derart sauberen, paradiesischen Strand wie diesen sehen. Szenenwechsel. In Arizona antworteten ihr drei kleine Navajo-Indianer auf die Frage, wann sie wohl in Flagstaff ankommen würde: "Du wirst dein Ziel mit dem Ende des Sonnenuntergangs erreichen." Den 11. September erlebte die 42-Jährige bei einer Tante in Florida. "Ganz Amerika flaggte auf, und mir war klar, dass es für mich nun an der Zeit war, Amerika zu verlassen." Sorgen hat sie sich im Übrigen nicht um sich selbst gemacht, sondern um ihre deutschen Angehörigen, die so nah an Spangdahlem leben. Auf den Osterinseln besuchte die Wittlicherin "den Bauchnabel der Welt": Ein faszinierender Stein, der den Besuchern, die ihn streicheln, Kraft mitgibt. Dort durfte sie auch Zeugin eines Festes werden, das die Osterinsulaner im Gedenken an die Ankunft ihrer Vorfahren aus Polynesien feiern - unter Ausschluss von touristischer Öffentlichkeit. Mit ein paar Aborigines baute sie in Australien einen Bumerang. Pflicht war selbstverständlich der Besuch der Inseln, mit denen sie den Vornamen gemeinsam hat. Über die "Annette-Islands" in Alaska sind vor Hunderten von Jahren auch die Entdecker gekommen. Zweimal traf sie sogar Menschen aus der Heimat. Nach 300 Tagen fernab der Familie, von der Abschied zu nehmen ihr sehr schwer gefallen war, saß sie in einem kleinen Café im australischen Perth. Dort begegnete ihr eine ausgewanderte Freundin aus der Jugendzeit. "Da wusste ich: Ja, jetzt ist es in Ordnung, wieder nach Hause zu fahren."

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