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Entwicklungshilfe, die ankommt: Marokkanerin lernt den Bäckerberuf

Entwicklungshilfe, die ankommt: Marokkanerin lernt den Bäckerberuf

Soukaina El Machhour ist nach Deutschland gekommen, um hier das Bäckerhandwerk zu lernen. Ihr Lehrherr Karsten Fleury aus Brauneberg will ihr darüber hinaus aber auch andere alltägliche Dinge wie Radfahren oder Schwimmen vermitteln. Denn nach seinem Wunsch soll die 22-jährige Marokkanerin die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Leben bekommen.

Brauneberg. Das Baguette sieht lecker aus und duftet gut. Es ist eine eigene Kreation mit Sesam aus Marokko und Anis, die Soukaina El Machhour mit einem strahlenden Lächeln präsentiert. Sie lernt seit einem Jahr das Bäckerhandwerk bei Karsten Fleury in Brauneberg.
Der war es auch, der die junge Frau, die zuvor kaum Deutsch konnte, ins Land geholt hat. Auf die Idee, einen Auszubildenden aus Marokko einzustellen, kam er vor zwei Jahren auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung des Wittlichers, Bruder Nikolaj Bromberg, der in Soukainas Heimat eine Schule gegründet hat. Bei Fleury entstand der Wunsch, sich selbst zu engagieren und seine beruflichen Fähigkeiten dabei einzubringen. Aber nicht, indem er vor Ort eine Bäckerei gründet und den Menschen dort ein Konzept aufzwingt. "Es sollte etwas Nachhaltiges sein", sagt Fleury. Und dafür müsse erst einmal jemand richtig ausgebildet werden.
Erste Versuche startete er mit einem jungen Mann, was aber nicht glückte. "Er konnte sich in unsere Gesellschaft nicht einleben", sagt der Bäckermeister. Zum Beispiel habe er keine Anweisungen von den Frauen im Betrieb entgegennehmen wollen. Nach drei Monaten reiste der junge Mann zurück in seine Heimat.
Der Kontakt zu Soukaina kam über die von Bruder Nikolaj gegründete Schule zustande. Die Lehrer dort empfahlen die junge Frau, die in einer Familie mit neun Schwestern aufgewachsen ist.
Bis Soukaina vor gut einem Jahr wirklich nach Deutschland einreisen durfte, musste Fleury aber noch jede Menge bürokratischer Hürden überwinden. Und ein hohes Risiko eingehen. Denn bei der Ausländerbehörde muss er als Arbeitgeber eine Bürgschaft unterschreiben. Sollte seine Auszubildende straffällig werden, so müsse er für alle Kosten wie Polizeieinsatz, Abschiebehaft sowie das Flugticket zurück nach Marokko aufkommen.
In der Schule Klassenbeste



Fleury ist aber sehr zuversichtlich, dass es dazu nicht kommen wird. Denn seine Auszubildende hat sich gut eingelebt. Sie spricht inzwischen sehr gut deutsch. Geholfen hat ihr dabei Gerhard Henkel, ein ehemaliger Lehrer, der ihr zweimal wöchentlich Privatunterricht gegeben hat. Auch in der Schule zeigt die Marokkanerin gute Leistungen und ist mittlerweile Klassenbeste. "Zuerst war es ein bisschen schwer, da habe ich wenig verstanden", schildert sie die Schwierigkeiten der Anfangszeit. Aber jetzt hat sie gute Kontakte zu ihren Mitschülern und auch zu der Familie ihres Lehrherren.
Sie ist froh, in Deutschland zu sein, denn als Frau habe sie daheim weniger Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen. Dort werde immer noch erwartet, dass sie heirate und Hausfrau sei.
"Ich möchte, dass sie etwas lernt und dann selbst entscheiden kann, was sie mit ihrem Leben macht", sagt Karsten Fleury. Deshalb vermittelt er ihr nicht nur Kenntnisse im Bäckerhandwerk sondern auch die einfachen Dinge des Lebens. Zum Beispiel kann Soukaina jetzt auch radfahren und schwimmen, was in ihrem Heimatland nicht selbstverständlich ist. Für den Winter ist der Autoführerschein geplant. Und sie spielt gern Tennis.
Heimweh nach der Familie



Dennoch ist sie nicht immer ganz glücklich. "Manchmal habe ich Heimweh", gibt sie zu. Aber sie hat den Kontakt nach Hause nicht verloren. Schon zweimal hat sie die Familie besucht. Jetzt haben Fleury und sie bei der Ausländerbehörde einen Antrag gestellt, dass ihre Eltern sie in Brauneberg besuchen dürfen.
Ihre Aufenthaltsgenehmigung gilt exakt bis zum letzten Tag ihrer Ausbildung am 31. Mai 2016. Wie es dann weitergeht, ist noch ungewiss.
Aber zunächst möchte Soukaina noch viel lernen. Und eigene Kreationen wie das Baguette oder bunte Macarons entwickeln. Ein Teil des Verkaufserlöses wandert in ihr Sparschwein. Ein weiterer Schritt in eine neue Selbstständigkeit.noj