Erinnern und Nachdenken

Mit einer Broschüre will der Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich" auf die vielfältigen Veranstaltungen zum Gedenken an die "Reichskristallnacht" vor 70 Jahren aufmerksam machen. Er will aber auch zum Nachdenken und Mitmachen anregen.

Wittlich. Ein ganz normaler Vorgang: Ein Besucher Wittlichs kauft ein, bezahlt mit seiner Karte, und dann wird die Geschäftsfrau stutzig: "Doublon, den Namen kenn ich doch; meine Mutter war mit einer Doublon befreundet." Der Besucher freut sich, dass sein Familienname in Wittlich nicht völlig vergessen ist.

Ganz normal ist dieser Vorgang nicht. Doublon, das war der Name vieler Juden in Wittlich; sie lebten mehr als 200 Jahre in dieser Stadt. Und sie sind nicht freiwillig gegangen. Die letzten wurden verladen, in die Ghettos und Lager gebracht und ermordet, ihre Leichen zu Asche verbrannt …

"Gedenkarbeit von breitem Engagement getragen"



Mit Texten wie diesem - hier nur ein Auszug aus einem Beitrag von Marianne Bühler — will der Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich" die Menschen zum Nachdenken anregen. Der Text ist Teil der 35-seitigen Broschüre, die der Arbeitskreis zum Gedenken an die "Reichskristallnacht" vor 70 Jahren herausgegeben hat.

Mit diesem Ereignis am 9. und 10. November 1938 hat die Judenverfolgung nicht erst begonnen, doch sie eskalierte und leitete schließlich die Entwicklung zum Völkermord ein.

Der Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich" weist daraufhin, dass viele hundert jüdische Bürger, wahrscheinlich über 1000 in dieser Nacht ums Leben kamen (nicht 31 oder 91, wie es damals die Nazipropaganda darstellte).

Etwa 30 000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, hunderte Synagogen zerstört und viele 1000 Geschäfte und Wohnungen demoliert.

Seit 20 Jahren wird in Wittlich an die Judenverfolgung erinnert. Vom Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich" heißt es dazu: "Das Besondere an der Gedenkarbeit ist, dass sie von einem breiten bürgerlichen Engagement getragen ist und das seit 20 Jahren."

In den 70er Jahren sollte die Synagoge abgerissen werden



Ein kurzer Abriss: Zu Beginn der 70er Jahre wurde die Wittlicher Synagoge vor dem Abriss gerettet und restauriert. Im dortigen Museum wird über die jüdische Geschichte informiert. Kirchliche Gruppen wie Pax Christi haben vor drei Jahrzehnten begonnen, am 9. November eine Mahnwache zu organisieren. Die Mahnwache wurde zur Tradition und steht auch 2008 im Zentrum der Gedenk-Veranstaltungen.

Seit 1987 hat der Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich" recherchiert und Kontakte zu den noch lebenden Juden und ihren Nachkommen geknüpft. 1990 hat er eine große Ausstellung "Juden in Wittlich" auf die Beine gestellt und darauf hingearbeitet, dass die Stadt die noch lebenden jüdischen Bürger 1991 zu einem Besuch eingeladen hat

In diesem Jahr beteiligen sich unter der Koordination des Arbeitskreises wieder viele Gruppierungen und Institutionen an Gedenkveranstaltungen.

Die kostenlose Broschüre des Arbeitskreises liegt in Wittlicher Buchhandlungen, in der Synagoge, im Alten Rathaus und an weiteren Stellen aus.