Familiärer Abend unter Fremden

Ein Autor und nur eine Handvoll Zuhörer: Das bot ein Abend auf Einladung der VHS und Stadtbücherei Wittlich. Jean-Philippe Devise machte was draus. In privater Atmosphäre wechselte der französische Autor zwischen Plauderei mit seinen Gästen und den Geschichten aus seinen Büchern. Das Publikum genoss seinen hingebungsvollen Vortrag.

Wittlich. Es ist ein familiärer Abend unter Fremden: Nur eine überschaubare Anzahl von Gästen sind zu Jean-Philippe Devise in die Stadtbücherei gekommen. Der "eingedeutschte Franzose" übernimmt in seine Bücher, die er auf Deutsch schreibt, den pfälzischen Dialekt und trägt ihn akzentfrei vor. In den hochdeutschen Passagen dagegen dringt seine französische Herkunft hörbar durch und verleiht dem Vortrag besonderen Charme. Die Mischung passt zu seinen Glossen aus "Hüben und Drüben", in denen er sich mit den Unterschieden der Bewohner links und rechts der Grenze auseinandersetzt. Da wundert sich der Franzose darüber, dass es in Deutschland Bettgeschichten zu lesen gibt, wo der Franzose nur Baguette bekommt, nämlich beim Bäcker unter der Überschrift der meistverkauften Tageszeitung. Er wundert sich über deutsche Krötenunterführungen - eine Tierschutzmaßnahme, die für Franzosen so undenkbar ist, dass sie nicht mal ein Wort dafür besitzen. In einem ähneln sich die Nachbarn: in der Bürokratie. "Mit einem Unterschied. Die deutsche funktioniert."
Devise liest mit Herzblut. Dabei steht er, gestikuliert, moduliert die Worte zu einem greisenhaften Zittern oder einem weinerlichen Schniefen, er richtet sich auf, beugt sich, er wendet die Blickrichtung von einer fiktiven Figur zur anderen und macht sie dadurch präsent.
Dass er ein guter Beobachter ist, wird spätestens bei der Geschichte "Integration" aus "Viel Leben, wenig Tod" klar. Darin zeichnet er die Personen und ihre Redensarten so authentisch nach, dass der Zuhörer sich sicher ist: Ja, genau so hab ich das auch schon mal erlebt. Es geht um Vermutungen über die häusliche Situation der ins Dorf zugezogenen Russen, die sich als haltlose Fehlinterpretationen erweisen. Doch statt Scham zu empfinden, verstellt sich nur der Fokus der lästernden Dorfbewohner auf ein neues Opfer für fiese Spekulationen. Und prompt gleiten Zuhörer und Autor ins nächste Gespräch miteinander und diskutieren über Nationalismus in Frankreich und Klischees in den Köpfen. sys
Extra

Jean-Philippe Devise ist 1960 im französischen Périgueux geboren . Mit 27 Jahren lernte er Deutsch und folgte seiner Frau in die Südpfalz. In Spirkelbach lebt er als Autor, Übersetzer, Sprachlehrer und Vater von zwei Töchtern. Seit einigen Jahren schreibt er seine Bücher in deutscher Sprache. Devise ist Preisträger des Gerty-Spies-Literaturpreises der Landeszentrale für politische Bildung, Preisträger des Literaturwettbewerbs der Rheinland-Pfälzischen Tage 2003 und zweiter Gewinner des Literaturwettbewerbs Write Movies 2004. sys