Fasswein-Preis rauscht weiter in den Keller

Fasswein-Preis rauscht weiter in den Keller

Krisenstimmung unter den Fassweinwinzern an der Mosel: Die Preise haben sich binnen eines Jahres glatt halbiert. Zurzeit wird Riesling-Qualitätswein mit 80 bis 85 Cent/Liter gehandelt, andere Rebsorten wie der Müller-Thurgau kosten gar nur 70 bis 75 Cent.

Bernkastel-Kues. Hubertus Klein, Kreiswinzervorsitzender von Bernkastel-Wittlich, spricht von einer dramatischen Situation. Der Verfall der Fassweinpreise binnen Jahresfrist habe einen enormen Vermögensverlust zur Folge. Klein: "Viele Winzer, die zuletzt Mut geschöpft hatten, sind nun völlig frustriert."

Fakt ist: Vor einem Jahr war die Welt der Moselwinzer, die ihre Weine als Fassware an Großkellereien verkaufen, noch einigermaßen in Ordnung. 1,50 Euro erhielten die Erzeuger im Frühjahr 2008 im Schnitt für einen Liter. Doch vor dem Herbst gingen die Preise in den Keller (der TV berichtete), und zwar deutlich unter 1 Euro/Liter.

Inzwischen sind die Preise weiter gesunken - auf 80 bis 85 Cent für fertige Riesling-Weine und für andere Rebsorten auf 70 bis 75 Cent. Ein Winzer von der Mittelmosel, der im Jahr rund 50 000 Liter Fasswein verkauft, konnte im vergangenen Jahr noch rund 75 000 Euro erlösen, in diesem Jahr muss er sich mit der Hälfte zufriedengeben. Einer von ihnen, der mit Namen nicht genannt werden will, erzählt: "Im Herbst habe ich 6000 Liter Most für 85 Cent/Liter verkauft, Ende Januar 6000 Liter fertigen Wein für 90 Cent/Liter und vor wenigen Tagen 4000 Liter für 80 Cent/Liter." Weitere 12 000 Liter sind bereits geordert. Wie viel er dafür bekommt, weiß er aber noch nicht.

Einen der Hauptgründe für den Preisverfall sieht Weinkommissionär Josef Kollmann aus Detzem in der allgemein schlechten Wirtschaftslage, vor allem aber im geänderten Kaufverhalten großer Sektkellereien. Mehrere von ihnen hätten dem Moselwein, speziell dem Riesling, komplett den Rücken gekehrt, da Rieslingweine in Rheinhessen und der Pfalz seit mehreren Jahren weitaus günstiger zu bekommen seien. Immerhin gehe es, so ein anderer Kommissionär gegenüber dem TV, um Mengen von sechs bis sieben Millionen Liter.

Michael Willkomm, Chef der Bernkastel-Kueser Weinkellerei Peter Mertes, hatte bereits im Herbst 2008 gegenüber dem TV geäußert, dass eine Reihe von Kunden - vor allem in Übersee - wegen der hohen Mosel-Riesling-Preise günstigere Rieslingweine aus den Anbaugebieten Rheinhessen, Pfalz und Nahe geordert hätten.

Ein weiterer Kommissionär berichtet, dass zurzeit die Nachfrage nach Mosel-Fasswein sehr schleppend sei. Traditionell werde in den Monaten Januar bis März der meiste Wein aus den Winzerkellern gepumpt, heuer sei aber das Kaufinteresse der Kellereien sehr bescheiden. Und das hat sinkende Preise zur Folge. Beispiel: Eine Kellerei schickt mehrere Kommissionäre los, um Weinproben für einen Auftrag von 100 000 Litern zu beschaffen. Die Kommissionäre bringen mehr Proben bei als die Kellerei braucht, und schon kann die Kellerei sich die besten Weine aussuchen und gleichzeitig den Preis drücken.

EXTRA:

Weinkommissionär:
Weinkommissionäre vermitteln Wein, Trauben und Flaschenweine zwischen Winzern und Kellereien. Der Kommissionär kauft in eigenem Namen auf fremde Rechnung. Das heißt, dass er den Einstandspreis weitergibt und für seine Arbeit eine Provision erhält. Diese beträgt drei bis vier Prozent. Ein guter Kommissionär, so beschreibt es ein Vertreter dieser Zunft, versucht zu einem Preis, der die Interessen ausgleicht, ein Geschäft abzuschließen. Dabei begutachtet er die Qualität, berät den Winzer über den Weinausbau und informiert ihn über die gesetzlichen Formalitäten. Außerdem sorgt der Kommissionär dafür, dass der Abnehmer den Kaufpreis möglichst bald bezahlt. (sim)


Meinung


Von Winfried Simon

Die Gesetze des freien Marktes

Die Fasswein-Winzer sind frustriert. Nach einigen guten Jahren, als die Preise kontinuierlich nach oben kletterten, herrscht seit dem vergangenen Herbst am Fassweinmarkt wieder eine Baisse. Fast könnte man, um in der Börsensprache zu bleiben, von einem Crash sprechen. Und daran, man muss es deutlich sagen, sind die Winzer selbst schuld. Denn wer sich auf dem freien Markt bewegt und meint, spekulieren zu können, muss damit rechnen, am Ende auch mal als großer Verlierer dazustehen. Denn auf dem freien Fassweinmarkt regieren, genauso wie beispielsweise auf dem Rohölmarkt, die harten Gesetze der freien Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage regulieren den Preis, und Spekulationen führen oft zu drastischen Preissprüngen - mal nach oben, mal nach unten. Experten schätzen, dass rund 40 Prozent des Moselweins als Fassware gehandelt werden. Nur zehn bis 15 Prozent dieser Verkäufe sind zwischen Winzern und Kellereien vertraglich geregelt. Das ist viel zu wenig. Noch immer scheuen sich viele Winzer, entweder in die Winzergenossenschaft Moselland eG einzutreten oder mit Kellereien feste Abnahmeverträge abzuschließen. Sie spekulieren lieber. Im vergangenen Jahr, als die Fassweinpreise nach oben gingen, haben einige Winzer, die zuvor Verträge abgeschlossen hatten, sogar ihre Vereinbarungen nicht eingehalten, weil sie auf dem freien Markt plötzlich mehr erlösen konnten. Jetzt ist es genau umgekehrt. Einige bieten, mit Blick auf die geringe Nachfrage und weiter fallende Preise, ihre Ware wie Sauerbier an. Aber auch die Kellereien, die - ganz im Sinne der Winzer - im Herbst große Mengen Weinmost über vertraglich festgelegte Preise aufgekauft haben, sind die Dummen. Jetzt könnten sie viel billiger einkaufen, so wie die Kellereien, die mit Verträgen nichts am Hut haben wollen. Das Problem ist nicht neu. In den 80er Jahren, als die Fassweinpreise ein nie da gewesenes Niedrigpreis-Nivau erreicht hatten, gab es Bestrebungen, über eine große Winzer-Erzeugergemeinschaft den freien Fassweinmarkt auszutrocknen. Doch das Projekt scheiterte. Die Winzer haben seitdem nichts dazu gelernt. w.simon@volksfreund.de