Fastnacht: Wittlicher Möhnen haben zu wenig Nachwuchs

Fastnacht : Dunkle Wolken am Narrenhimmel

Die Möhnen in Wittlich blicken weiter mit Sorge in die Zukunft. Es gibt zu wenig Nachwuchs.

„Wittlichs spektakulärer Weiberdonnerstag steht vor dem Aus“: So titelte der Volksfreund vor knapp einem Jahr, als die Wittlicher Möhnen die Alarmglocken läuteten. Immer weniger Frauen beteiligten sich, die Angst vor dem Ende der Möhnen ging um. Ein zweiter Besuch bei Obermöhne Jutta Weisenfeld zeigt: Die Lage ist besser, aber noch lange nicht gut. „Im vergangenen Jahr waren wir nur noch zu siebt“, erzählt Weisenfeld. Gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin und Mit-Möhne Rita Neukirch sitzt sie am Tisch, während draußen die Regentropfen vom grauen Himmel fallen und gegen die Fenster trommeln. „Nach dem Artikel im Volksfreund haben sich vier oder fünf Frauen gemeldet, nicht alle sind dauerhaft geblieben. Jetzt sind wir zu zehnt. Das ist besser als noch im vergangenen Jahr, aber wir sind immer noch zu wenige.“

Klar, wer an Möhnen denkt, denkt an Fastnacht, aber auch während der anderen vier Jahreszeiten liegen die Frauen nicht auf der faulen Haut: Einmal im Monat treffen sie sich, auf der Kirmes sind die Möhnen aktiv, auch Sommerfest und Weihnachtsfeier stehen auf dem Programm. Auf dem Wittlicher Weihnachtsmarkt verkaufen sie selbst gebackene Plätzchen; aber nur an einem Tag, am Samstag, 9. Dezember. Warum nicht häufiger? Der einfache Grund: Sie sind zu wenige. „Jede von uns Frauen backt Plätzchen für 30 Tüten“, erzählt Weisenfeld. „Mehr geht nicht, und für zwei Tage reicht das einfach nicht.“

Weisenfeld und Neukirch sind Urgesteine der Wittlicher Fastnacht. Weisenfeld ist seit 45 Jahren bei den Möhnen dabei, Rita Neukirch seit 32 Jahren. Als Weisenfeld einstieg, machten um die 40 Möhnen Wittlich unsicher – kein Vergleich zu heute. „Damals haben die Frauen an Fastnacht 1000 Liter Erbsensuppe gekocht. Heute schaffen wir gerade noch 250 Liter, das darf man eigentlich gar nicht laut sagen. Und wenn eine oder zwei Frauen mal krank werden, wird es gleich eng. Dann müssen unsere Männer mithelfen.“

Bereits jetzt werden die Möhnen bei der traditionellen Erstürmung des Rathauses, bei dem neben zahlreichen Fotografen auch immer ein Kamerateam anreist, von der Freiwilligen Feuerwehr unterstützt, „dann sind wir genug Frauen, damit es auch nach etwas aussieht“, sagt die Obermöhne. Generell werde die Fastnacht nicht mehr so angenommen wie früher, meint sie. „Die Geschäfte machen an der Weiberfastnacht zu, es ist kaum Betrieb in der Stadt. Die alten Möhnen sterben, und es kommen kaum junge nach. Es ist nicht mehr so, wie es mal war.“

„Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute verlernt haben, gemeinsam zu lachen und zu feiern“, sagt Rita Neukirch. Die jüngeren Generationen scheuten die Verpflichtungen, die die Mitgliedschaft in einem Verein mit sich bringe. Jutta Weisenfeld winkt mit ihrem Smartphone. „Und diese Dinger“, sagt sie in sorgenvollem Ton, „die sind auch Schuld.“

An den Anforderungen für neue Möhnen kann der fehlende Nachwuchs wohl kaum liegen: „Sie müssen nicht aus Wittlich kommen, sie müssen kein Platt können“, sagt Weisenfeld. „Nur lustig müssen die Möhnen sein, und einen Sinn für Fastnacht haben. Das ist alles. Es ist viel Arbeit, ja, aber es ist schön. Und es wäre schade, wenn die Tradition nicht fortgeführt werden würde.“

Auf ihre eigene Motivation für das langjährige Engagement angesprochen, müssen die beiden nicht lange überlegen: „Ich bin Fastnachterin aus Überzeugung“, sagt Rita Neukirch. Als Ur-Wittlicher bezeichnen sich beide, Neukirch weiß sogar, dass die Wurzeln ihrer Familie in Wittlich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Ans Aufhören denken beide noch lange nicht: „Wir machen weiter bis zum bitteren Ende“, sagt Weisenfeld überzeugt. „Zur Not gehen wir mit dem Rollator beim Umzug mit. Und wenn wir Masken tragen, sieht man auch die Falten nicht.“ Die Frauen lachen, ihre Augen funkeln im Licht der Deckenlampe. Möhne bleibt eben Möhne. Ihre gute Laune kann man ihnen nicht verderben.

Für den Plätzchenverkauf auf dem Wittlicher Weihnachtsmarkt bitten die Möhnen um Spenden. Wer süßes Gebäck bereitstellen oder gleich ganz bei den Möhnen mitmachen möchte, kann sich bei Jutta Weisenfeld unter der Telefonnummer 06571/8727 melden.

Meinung

Ändern sich die Zeiten?

Ich bin ganz ehrlich: Ich wäre als Mann Mitte 20 zwar keine potenzielle Möhne, Mitglied in irgendeinem lokalen Verein bin ich aber auch nicht. Da muss ich mir auch an die eigene Nase fassen und fragen: Warum eigentlich? Viele junge Menschen, vor allem in der Stadt, aber auch auf dem Land, schauen lieber in die Ferne, entweder aus dem Fenster eines Flugzeugs oder per Bildschirm von Computer und Handy, als vor die eigene Haustür. Das ist so, und das ist nicht nur schlecht – aber wenn deshalb schöne Traditionen nach und nach verschwinden, dann ist das vor allem auch eines: Schade. d.falkner@volksfreund.de

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