Feiern unter Wittlichern

WITTLICH. Klaus Petry bewahrt es wie einen Schatz: das allererste Kirmesplakat. Interessantes zur ersten Säubrennerkirmes im Jahr 1950 und zum Leben in der Nachkriegszeit können der "Reliquie" entnommen werden.

1950 feierte Wittlich die erste Säubrennerkirmes. Damals betrat Bürgermeister Mehs Neuland, allerdings durchdachtes Neuland. Er ließ zwei Schweine am Spieß rösten in Anspielung an die bis dahin wenig bekannte Säubrennersage. Zwei Schweine wurden samstags über dem Holzkohlefeuer immer brauner und knuspriger und später portionsweise auf einem Gasofen nachgeschmort. In knapp einer Stunde waren alle Portionen verkauft. Den Menschen gefiel das Witzige und Originelle daran so gut, dass die Saubraterei am Montag wiederholt wurde. Die Tageszeitungen waren voll des Lobes und beschrieben das Lockere und Natürliche des Geschehens beim Schlendern von der Spießbratenlaube zu den Weinständen, vom Marktplatz zum Rummelplatz. Die Säubrennerkirmes war geboren. Mit einem Schlage war das Anrüchige des Spitznamens "Säubrenner" ausgelöscht. Schnell wurde die Kirmes zur Erfolgsstory in kultureller wie wirtschaftlicher Hinsicht. Das Wittlicher Tageblatt vom 22. August 1950 fasste den Erfolg der Kirmes zusammen: "Der von Bürgermeister Mehs ausgehende Vorschlag, das Stadtfest als Säubrennerkirmes aufzuziehen, hat weithin Anklang gefunden". Gleich im ersten Kirmesjahr gab es auch ein Plakat. Das Plakat überrascht, es ist gänzlich anders konzipiert als seine Nachfolger. Die achten auf den Wiedererkennungswert. 1950 war das anders. Klaus Petry aus Wittlich hat das Plakat von der allerersten Säubrennerkirmes sorgsam gehütet. "Es war ein Zufallsfund", erzählt der Stadthistoriker. Unter einem Stapel alter Zeitungen, die ihm von einer Wittlicherin vor einem Jahrzehnt übergeben wurden, war dieses Wittlicher Kleinod verborgen. Es ist offensichtlich das einzige Kirmesplakat von 1950, das die Zeit überdauert hat. Handballspiel des Wittlicher Turnvereins

"Es ist keine künstlerische Umsetzung des Säubrennerthemas, wie wir es heute bei den Kirmesplakaten sehen", erläutert Petry. Auch der Name "Säubrennerkirmes" war nicht enthalten. Es war halt die erste Kirmes, die als Versuch gestartet wurde, als erfolgreicher Versuch, wie sich schnell herausstellte. Auf dem Plakat werden die Veranstaltungen der drei Kirmestage angekündigt, darunter Sportveranstaltungen wie ein Handballspiel des Turnvereins Wittlich gegen Eintracht Trier. Aber auch Nachkriegsgeschehen ist dokumentiert. Denn am Samstag der ersten Säubrennerkirmes wurde Richtfest der neuen Brücke an der Himmeroder Straße gefeiert als Teil des offiziellen Kirmesprogramms. Vom Kirmesablauf der heutigen Zeit gab es damals selbstverständlich die Saubratenausgabe, im Jahre 1950 am Samstagabend ab 18 Uhr, die Weinstände, Konzerte auf dem Marktplatz und die Kinderbelustigung. Auch die Gaststätten boten sich als Veranstaltungsorte an. So wurde in mehreren Gasthäusern zum Kirmestanz geladen. Auffällig ist der Hauptteil des Plakates mit den Werbeanzeigen von 31 Wittlicher Restaurants, Hotels, Gasthäusern und Cafés. Darunter heute noch bestehende wie das Gasthaus Schneck, Hotel Well, Kolpinghaus und die Klosterschenke sowie die Breit, die Bastenmühle und das Café Mohr. Aber auch längst verschwundene wie das Hotel Waldfrieden, die Bahnhofsgaststätte oder das Hotel Mürtz sowie die Winzerstuben sind vertreten. "Es sind nostalgische Erinnerungen an eine Zeit, als die Wittlicher noch unter sich ihre Kirmes gefeiert haben", meint Klaus Petry. "Heute ist sie international, unsere Säubrennerkirmes." Schade, dass sich bisher keiner in Wittlich für das Plakat interessiert hat, resümiert Petry. "Es ist eine Reliquie, die eigentlich nachgedruckt werden sollte".

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