Flächenfraß: Für Landwirte wird's eng

Bernkastel-Wittlich · 430 Hektar Acker müssen nach Berechnungen der Landwirtschaftskammer bepflanzt werden, um eine neue Biogasanlage in Landscheid betreiben zu können. "Woher nehmen?", fragt sich der Gemeinderat. Das Problem ist ein grundsätzliches: Der Hunger nach Energie, Bau- und Gewerbegebieten wird oft zulasten der Landwirte gestillt, die Nahrungsmittel herstellen.

 Unser tägliches Brot: Der Produktionsfaktor Nummer eins für die Nahrungsmittelproduktion, die landwirtschaftliche Fläche, wird knapper. TV-Foto: Klaus Kimmling

Unser tägliches Brot: Der Produktionsfaktor Nummer eins für die Nahrungsmittelproduktion, die landwirtschaftliche Fläche, wird knapper. TV-Foto: Klaus Kimmling

Bernkastel-Wittlich. "Irgendwann werden an Weihnachten zwar die Lichter am Baum brennen, aber es gibt keine Plätzchen mehr." Kreisbauernchef Manfred Zelder wählt gerne eindringliche Worte, um Probleme greifbar zu machen, wie hier den Flächenfraß. Immer weniger Land werde genutzt, um Weizen, Kartoffeln und mehr herzustellen. "Früher hatte der Landwirt zwei Aufgaben: den Erhalt der Kulturlandschaft und die Produktion von Nahrungsmitteln. Jetzt kommt eine dritte hinzu, die Bereitstellung von Energie." Jüngstes Beispiel: In Landscheid will die Firma Envitec eine neue Biogasanlage bauen. Bis zu 837 Kilowatt elektrische Leistung soll sie pro Stunde bringen. Damit könnten 1300 Haushalte versorgt werden. Da zuvor eine kleiner dimensionierte Anlage geplant war, hat sich der Gemeinderat erneut mit dem kalkulierten Bedarf befasst - also den Mengen, mit dem sie gefüttert werden soll. Die da wären: 2000 Tonnen Rindergülle, 6350 Tonnen Maissilage, 2250 Tonnen Ganzpflanzen-Silage (ein Gärsubstrat), 2240 Tonnen Kleegras und 1700 Tonnen Wasser.
Der Betreiber selbst geht von einem Flächenbedarf von 300 Hektar aus, auf dem die Pflanzen angebaut werden sollen, die Landwirtschaftskammer von 430 Hektar. Nimmt man diese Zahl als Grundlage, fehlen derzeit 230 Hektar. "Wir wissen nicht, wo diese Flächen sein sollen", sagt der Landscheider Ortsbürgermeister Ewald Heck. Der Gemeinderat fordert daher eine genauere Erklärung über die Standorte. "Es darf nicht sein, dass die landwirtschaftlichen Betriebe darunter leiden."
Und nicht nur der Anbau von Energiepflanzen wie Mais nimmt viele Flächen in Anspruch. Auch Neubaugebiete, Gewerbeflächen und Straßenbau schlagen zu Buche. Auch das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR), das unter anderem für das Bodenmanagement zuständig ist, also Flurbereinigungsverfahren, sieht hier einen Nutzungskonflikt. Vor allem in der Wittlicher Senke sei der Druck offensichtlich, sagt Johannes Pick, Abteilungsleiter Bodenordnung. Dort mussten unter anderem Ausgleichsflächen für die A 60 und die B 50 neu ausgewiesen werden.
Die Nahrungsmittel produzierende Landwirtschaft kann in diesem Verfahren aber doppelt verlieren: zum einen die Flächen, auf denen Straßen, Neubaugebiete und Firmen entstehen - und zum anderen die Felder, die ihr als Ausgleich für die Versiegelung genommen werden. Die Landespflege zielt nämlich primär auf Offenland-Biotope ab: artenreiches Grünland, das nicht oder wenig gedüngt und selten gemäht wird, damit dort viele Tiere einen Lebensraum finden. "Diese Form der Bewirtschaftung ist für die großen Betriebe aber nicht mehr zeitgemäß", erklärt Carsten Neß, Sachgebietsleiter Landespflege beim DRL Mosel, das Dilemma.
Zelder sieht zudem kritisch, dass wegen der Verknappung "kapitalkräftige Investoren vermehrt ihr Geld in landwirtschaftliche Nutzflächen anlegen" - beispielsweise im Hunsrück. Er fordert daher ein Vorkaufsrecht für die Bauern. Stehen Bauprojekte an, sollen Äcker erst genutzt werden, wenn es keine Ausweich-Option gibt. Zelder kündigt an: "Ob diese Regel eingehalten wird, wird die Landwirtschaftskammer künftig stärker prüfen."Extra

Nach Daten des statistischen Landesamts waren 1988 39,4 Prozent der Fläche im Kreis Bernkastel-Wittlich landwirtschaftlich genutzt. 2011 waren es 37 Prozent - 5,3 Prozent weniger als im Landesschnitt. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche nahm damals 9,7 Prozent in Anspruch, heute sind es 11,1 Prozent. Laut Zelder gibt es im Kreis 35 000 Hektar Landwirtschaftsfläche. Im Eifelkreis Bitburg-Prüm war die Entwicklung ähnlich: Seit 1988 ist der Anteil der Landwirtschaftsfläche um zwei Prozent gesunken, der der Siedlungs- und Verkehrsfläche um zwei Prozent gestiegen. uq