Flüchtlingskinder machen Schule

Integration und wie sie gelingen kann - darüber wird viel diskutiert. In Wittlichs Clara-Viebig-Realschule-plus wird das Thema gelebt. Dort sind 35 Nationen unter den 440 Schülern vertreten. Mit Sprachförderung, Toleranz und Sozialkompetenztraining, Musik und Sportprojekten gelingt das Zusammenleben. Jetzt gab es Projekttage zur Integration.

Wittlich. Rosemarie Böhlinger hält Ausschau nach ihren großen Jungen. Die Schulleiterin der Clara-Viebig-Realschule-plus wird von den Schülern am Finaltag der Projektwoche kräftig unterstützt. Denn die Schüler wollen zeigen, wozu sie in der Lage sind und wie das Zusammenleben und -lernen dort funktioniert. Sie zeigen Theaterstücke, stellen in der Turnhalle mit Hindernissen eine Flucht im Dunkeln dar und bauen aus Schuhkartons ihre eigene, friedliche Welt. "Die meisten der Nichtmuttersprachler sind nicht freiwillig nach Deutschland gekommen. Krieg oder Verfolgung sind die Gründe, warum sie hier sind. Und vor allem die 37 Flüchtlingskinder haben schon viel Schreckliches erlebt", berichtet Carola Kirk, Sprachförderkraft der Schule. Bei einigem, was sie erzählen, kann man sich ein ungefähres Bild davon machen. Wenn beispielsweise ein Kind berichtet, wie die Familie nachts von Soldaten beschossen wurde, oder dass es die ersten Wochen hier viel geweint und sich verloren gefühlt habe. "Hier wurde uns dann immer wieder klar gemacht, dass wir vor allem die deutsche Sprache lernen müssen, damit wir unsere Träume und Ziele verwirklichen können", erklärt einer der Schüler. "Und die ist gar nicht so einfach", fügt er lachend mit einigen Beispielen an.
Damit das Deutschlernen funktioniert, gehen 84 Kinder in die Sprachförderung. Für alle Kinder anderer Sprachherkunft wird Deutsch als Zweitsprache in sechs unterschiedlichen Levels angeboten. Neben den Flüchtlingskindern sind das beispielsweise auch Zugezogene aus Bulgarien, Polen oder Rumänien. Um die alltäglichen Sprachschwierigkeiten zu bewältigen, hat die Schule einen Übersetzerpool aus Schülern zusammengestellt. Für pädagogische Belange greift sie auf die Übersetzer des Mehrgenerationenhauses und des Roten Kreuzes zurück.
Im sozialen Leben der Schule kommt es kaum zu Konflikten wegen der unterschiedlichen Herkunft der Kinder. Rosemarie Böhlinger berichtet: "35 Nationen an einem Ort, das funktioniert gut. Es gibt lediglich Alltagsprobleme, so wie sie bei allen Kindern und Jugendlichen auftreten." Damit es in der Schule nicht zu Rassismus und Ausgrenzungen kommt, wird das Thema Fremdsein und Herkunft aus anderen Ländern fachübergreifend immer wieder im Unterricht thematisiert, in den Klassen fünf und sechs sind Sozialkompetenztraining fester Bestandteil des Stundenplans, Musik- und Sportprojekte stärken zudem den Zusammenhalt der Schüler. Und wenn es Probleme gibt, versucht man sie aufzuarbeiten. "Das Thema Kopftuch ist ein Spannungsfeld auf dem Schulhof, haben wir in den vergangenen Wochen festgestellt und es deshalb bei der Projektwoche mit aufgenommen", berichtet Melanie Schmitt, stellvertretende Schulleiterin. Dabei haben die Schüler sich mit den unterschiedlichen Männer- und Frauenbildern auseinandergesetzt, mit der Unterdrückung durch Frauenhandel und Sexismus sowie mit den Rechten von Frauen in Deutschland.
Über die Frau im Islam haben sie erfahren, dass im Koran das Kopftuch eine Empfehlung ist, es auch für Männer Kleidungsempfehlungen gibt und 91 Prozent der Frauen das Kopftuch freiwillig tragen. In einem Selbstversuch konnte manausprobieren, wie es sich anfühlt, ein Kopftuch zu tragen. Davon haben viele Jungen und Mädchen Gebrauch gemacht. Der überwiegende Teil fand das Gefühl beklemmend. In Wittlich wurde nicht nur diskutiert, sondern ausprobiert, damit Integration gelingen kann.