Forschen, wo einst die Römer wohnten

Forschen, wo einst die Römer wohnten

Schätze finden und mit einem filigranen Pinsel säubern, so wird die Arbeit von Archäologen in Filmen oft dargestellt. Doch die Aufgaben der Forscher sind im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig, mühsam, körperlich anstrengend und eine Geduldsprobe. Der TV hat es einen Tag lang ausprobiert und bei den Grabungen geholfen.

Wederath. Vornüber gebeugt in der Hocke, die Knie auf einem Schaumstoffpolster, in der Hand eine kleine Kelle, mit der langsam der Boden abgetragen wird. Mühsam, nicht sehr bequem und mitunter auch eintönig ist die Arbeit der Grabungshelfer, die im Archäologiepark Belginum nach Spuren der Römer und Kelten suchen. Dennoch lohnt die Arbeit. Das Gebiet um Morbach-Wederath ist geschichtsträchtig. Entlang der Hunsrückhöhenstraße haben Römer gesiedelt, ein Militärlager aufgeschlagen, Tempel gebaut, Kelten ihre Kultstätten errichtet. Davon wäre heute nichts mehr zu sehen, wenn es keine Archäologen gäbe. Ein großes keltisch-römisch Gräberfeld wurde schon vor Jahren entdeckt und dokumentiert.
Die jetzige Grabungsfläche beim Archäologiepark Belginum sieht eher unspektakulär aus. Der Boden ist lehmig, allenfalls die über den Boden gespannten Planen lassen vermuten, dass es sich hier nicht nur um einen simplen Acker handelt.Nie rückwärts gehen


Beim genaueren Hinsehen sind weiße Etiketten, gespannte Schnüre und vieles mehr zu erkennen. Marco Schrickel, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Trier und örtlicher Leiter der Grabungsarbeiten, erläutert die Sicherheitshinweise. "Immer genau schauen, wo man hintritt und nie rückwärts gehen", warnt er. Das dient nicht nur der eigenen Sicherheit. Nur so kann auch verhindert werden, dass wertvolle Funde beschädigt werden.
Grabungsmitarbeiter Christoph Hauptmann kennt sich mit solchen Regeln aus. Er ist eigentlich gelernter Maler, hatte aber immer schon Interesse für Archäologie. Erst war er als Ein-Euro-Jobber bei den Arbeiten dabei, jetzt hat er eine feste Anstellung. Zumindest für die Saison, die wetterbedingt im Herbst endet. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", sagt er zufrieden.Von den Kelten genutzter Weg


Er ist gerade dabei, diese Geschichte der früheren Siedlungen ans Tageslicht zu holen und trägt mit einem Werkzeug, das in etwa die Größe eines normalen Messers hat, Schicht für Schicht von der Erde ab bis ein "Negativ" einer Pfostenvertiefung entsteht.
Was es damit auf sich hat, erklärt Marco Schrickel. Diese Pfostenlöcher erzählen den Archäologen eine Menge über die früheren Bewohner an der Hunsrückhöhenstraße. Diese war schon damals als von den Kelten genutzter Weg vorhanden und wurde später in ihrer Trasse beibehalten. Bei einem Negativ werden die Schichten in umgekehrter Reihenfolge so abgetragen, wie sie zuvor verfüllt wurden. Praktisch wie ein Film, der rückwärts abgespult wird.
Schrickel zeigt auch, wie die Pfostenlöcher zu erkennen sind. Zum einen ist der Boden dort, wo er nicht gewachsen ist, sondern Löcher verfüllt wurden, deutlich dunkler. Wer das weiß, sieht auf dem Feld plötzlich ganz andere Strukturen. Auf dem Grabungsfeld finden sich aber auch Spuren der jüngeren Vergangenheit. Zum Beispiel eine Wasserleitung aus Ton, die eindeutig nicht römischen oder keltischen Ursprungs ist. Eine gute Arbeit für einen unerfahrenen Helfer.
Ausgerüstet mit einer Kelle, die in der Form an einem kleinen Tortenheber erinnert, geht es los. Schicht für Schicht wird die Erde abgetragen. Obwohl nicht keltisch oder römisch, ist die Leitung für die Wissenschaftler doch von Interesse, denn sie zeigt die Bemühungen der Entwässerung bis in die frühe Neuzeit.
Auch, wenn manch ein Stück vielversprechend aussieht, ist das Urteil der Experten dennoch ernüchternd. "Das ist nur ein Stein", erkennt Christoph Hauptmann schon auf mehr als 20 Meter Entfernung am Geräusch der Kelle an dem interessant aussehenden mehrfarbigen Fundstück. Also keine Scherbe. Nicht mal ein Holzkohlestück aus römischer Zeit.
Nach rund zwei Stunden liegen etwa 40 Zentimeter der Wasserleitung frei. Zeit für die Mittagspause. In einem Baucontainer trifft Hauptmann auf seinen Kollegen Arndt Maes, der auf der anderen Seite der Hunsrückhöhenstraße mit seinem Metalldetektor unterwegs ist. Er zeigt den Kollegen eine Tonscherbe, die er heute schon entdeckt hat. Dort wo Maes schon morgens gearbeitet hat, geht es nach der Pause auch für Schrickel und Hauptmann weiter. Hier sind die Arbeiten noch nicht so weit fortgeschritten. Ein Bagger ebnet erst einmal den Weg für die Archäologen. Ganz vorsichtig schiebt sich die breite Baggerschaufel über den Boden, um die obere Schicht abzutragen, aber möglichst nichts zu zerstören. Dort wo der Bagger gearbeitet hat, macht Maes weiter. "Ich höre nicht nur Metall im Boden", sagt er. Er hat schon bei vielen Grabungen mitgemacht und entsprechend viel Erfahrungen. Ihm entgehen auch sonst keine "Störungen". Also Stellen, an denen es sich nicht nur um gewachsene Erde handelt, sondern wo bereits von den Menschen eingegriffen wurde.
Für die Ein-Tages-Praktikantin im Team gibt es auch hier etwas zu tun. Bekleidet mit neongelber Warnweste gilt es, die lose Erde von einer alten Römermauer abzutragen. "Man muss Geduld haben", sagt Schrickel.
An manchen Tagen findet man nichts. Und dann wiederum, wenn nicht mit spektakulären Funden gerechnet wird, gibt es Überraschungen. An diesem Tag findet das Team mehrere Stücke. Eine Tonscherbe, mehrere erstaunlich gut erhaltene Nägel aus römischer Zeit, eine Münze. Alle Stücke sind noch schmutzig und nicht gut zu erkennen. "Das kann 20 Jahre dauern, bis das im Museum liegt", sagt Hauptmann. Das bestätigt Dr. Rosemarie Cordie, wissenschaftliche Leiterin der Ausgrabungen und Leiterin des Archäologieparks.
Straßenbau ermöglicht Grabung


Die jetzigen Grabungen sind zeitlich begrenzt (der TV berichtete). Denn dort, wo alte Funde gemacht werden, soll bald eine Straße entlangführen. Fluch und Segen für die Archäologen gleichzeitig. Denn zum einen ermöglichen die finanziellen Mittel des Landesbetriebs Mobilität (LBM) überhaupt erst die Arbeiten. Andererseits bleibt nicht viel Zeit, denn in zwei Jahren muss hier alles erforscht sein, damit hier ein Verkehrskreisel und eine Trasse der B50neu entstehen können.
Dieses Dilemma ist Schrickel bewusst. Zum einen freut er sich über die Vielzahl der Funde. Zum anderen ist die Arbeit kaum zu bewältigen. "Wir treten auf der Stelle", sagen die Mitarbeiter des Grabungsteams, zu dem nur Schrickel, Hauptmann und Maes gehören. Viel zu wenig Leute, um die Herausforderung zu bewältigen.
Ihre Hoffnung liegt nun auf den Archäologie-Studenten der Uni Trier, die in den Semesterferien hier ein mehrwöchiges Praktikum machen. Weitere Hilfe gibt es von Rentnern, die hier acht Stunden pro Woche mithelfen. Doch was passiert mit all den Dingen, die hier zutage gefördert werden? Ein Teil davon wandert in ein paar Jahren ins Museum. Jeder Befund und jeder Fund wird darüberhinaus dokumentiert, auch, das, was erst später in die Ausstellung kommt. Wenn hier die Straße gebaut wird, ist alles kaputt. Die Dinge zu erhalten und einfach zuzuschütten, ist laut Cordie nicht sinnvoll. "Wenn die Baumaschinen drüberfahren, geht ohnehin alles kaputt". Also muss das Team weiter arbeiten. Damit auch die Nachwelt erfahren kann, wie die Römer und Kelten hier gelebt haben.Extra

Das 2002 eröffnete Museum im Archäologiepark Belginum wurde im Gebiet einer römischen Siedlung errichtet. Hier können die Besucher die Ergebnisse jahrelanger Ausgrabungen und Erforschungen sehen. Das Museum ist mitten in der Hochfläche an der Hunsrückhöhenstraße errichtet und damit können die Exponate in dem Umfeld gezeigt werden, in dem sie auch gefunden wurden. In dem heutigen Kreuzungsbereich von B327 und B 50 befand sich ein keltisch-römisches Gräberfeld, ein frührömerzeitliches Militärlager, eine römerzeitliche Siedlung (vicus) und Tempelanlagen. noj