Freude an der Musik hält Saxofon-Legende fit

Idar-Oberstein · Wenn jemand in Deutschland die Geschichte des Jazz verkörpert, dann Emil Mangelsdorff, da sind sich Fans und Experten sicher. Der 86-Jährige wird in Idar-Oberstein von dem Pianisten Thilo Wagner begleitet.

 Freude an der Musik: Emil Mangelsdorff. Foto: Gerhard Ding

Freude an der Musik: Emil Mangelsdorff. Foto: Gerhard Ding

Idar-Oberstein. Das Fachmagazin "Jazz Podium" zählte Emil Mangelsdorff bereits in den 1950er Jahren zu den wichtigsten Altsaxofonisten Europas: "Sein Stil hat die ausgeglichene Ruhe, die man bei so vielen modernen Altisten vermisst, dazu ein Feuer und Drive im Vortrag, wie man es leider nur selten hört."
Heute ist Mangelsdorff 86 und kein bisschen leiser. Davon können sich Jazzfans am kommenden Mittwoch überzeugen, wenn der Frankfurter ab 20 Uhr in der Göttenbach-Aula (mal wieder) zu Gast bei der Schnecke ist.
Einstieg durch "Feindsender"


Das Geheimnis des ewig jungen Musikers ist, dass er sich die Lust und Freude an der Musik über Jahrzehnte hinweg bewahrt hat - seit jenem Erlebnis vor dem Radio seiner Eltern, als er im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal bei einem "Feindsender" amerikanischen Jazz hörte: "Da lief Louis Armstrong. Ich war geradezu elektrisiert, hatte einen Puls von 160 und wusste: Das ist es, das will ich auch machen!" Auf dem Akkordeon spielte er die "heiße" Musik nach.
Mit Charly Petri gründete Mangelsdorff eine Band, die Hotclub Combo, die ab 1940 in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs ein festes Engagement fand. In der Rokoko-Diele des Hotels Kyffhäuser spielten Emil und Charly mit ihrem Quartett vor einem jugendlichen Publikum, das sich in seiner Begeisterung für den Swing und seiner Abneigung gegen die Nazis verbunden fühlte. Finanziert vom Pianisten der Band, entstanden ab dem 30. Juli 1941 die ersten Schallplattenaufnahmen der jungen Jazzmusiker. Auch wenn die Nazi-Spitzel, die Mangelsdorff und seine Freunde im Visier hatten, Jazz kaum von Tanzmusik unterscheiden konnten, sorgten sie dafür, dass Mangelsdorff in die Frankfurter Gestapo-Zentrale bestellt und dort ausgehorcht, beschimpft, geschlagen und anschließend zum Friseur geschickt wurde. Nach einer erneuten Festnahme und 20 Tagen Gefängnisaufenthalt schickte die Gestapo den "politisch unzuverlässigen" Musiker zum Militär.
Nach Ostfronteinsatz und russischer Gefangenschaft kehrte Mangelsdorff erst 1949 wieder nach Frankfurt zurück. Sofort tauchte er wieder in die Jazzszene ein. Neben seiner schon vorher begonnenen Klarinettenausbildung lernte er nun noch, Altsaxofon zu spielen, und eignete sich die theoretischen Grundlagen des Modern Jazz an.
Als Sitz des europäischen Hauptquartiers der US-Streitkräfte entwickelte sich die Main-Metropole schnell zur deutschen Jazz-Hauptstadt. Gemeinsam mit seinem innovativen, leider im Vorjahr verstorbenen Bruder Albert wurde Emil rasch der umjubelte Lokalmatador im 1952 eröffneten Jazzkeller, in dem ein Jahr später das Deutsche Jazzfestival aus der Taufe gehoben wurde.
Mit den Frankfurt Jazz All Stars, die später im Jazzensemble des Hessischen Rundfunks aufgingen, schrieb Emil Mangelsdorff mit stürmisch umjubelten Auftritten beim Jazzfestival im polnischen Zopot schon 1957 west-östliche Kulturgeschichte.
Begleitet wird Emil Mangelsdorff in Idar-Oberstein von dem 1965 in der Nähe von Köln geborenen Pianisten Thilo Wagner, der wie nur wenige Pianisten in Europa die Kunst der Jazz-Improvisation beherrscht. Seit 1987 Berufsmusiker, hat Wagner mit unzähligen Jazzgrößen auf der Bühne und im Studio gearbeitet: mit Art Farmer, Bob Mintzer, Red Holloway und vielen anderen. 1998 wurde Wagner als "Bester Jazz-Solist" beim renommierten Vienne Jazz-Festival in Frankreich ausgezeichnet. red
Karten gibt es an der Abendkasse.Extra

Antifaschist: In den 1980erJahren begann Emil Mangelsdorff über seine Erfahrungen als jugendlicher Swingmusiker unter der Nazi-Diktatur öffentlich zu sprechen. Jugendliche Zuhörer in Schulen lernen bei der Begegnung mit ihm wichtige Lektionen über die Mechanismen der Unterdrückung und erleben gleichzeitig einen Menschen, dessen wacher Verstand und Zivilcourage auch im hohen Alter beeindrucken. Für seine künstlerischen Verdienste und sein politisches Engagement wurde Mangelsdorff mit dem Hessischen Jazzpreis, der Goethe-Plakette Hessens und der Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt ausgezeichnet. red

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