Fünf Wochen im Ausnahmezustand

WITTLICH. An Nepal hat sie das ganz besonders Fremde gereizt. Für fünf Wochen tauschte Physiotherapeutin Sarah Neumann die Praxen von Bausendorf und Wittlich gegen einen Job in einem Krankenhaus im Himalaja.

Eigentlich liebte Sarah Neumann die gewohnten Bahnen, in denen sich ihr Leben bis dahin abgespielt hatte: Aufgewachsen in Lüxem, besuchte sie das Gymnasium, später die Schule für Krankengymnastik, und seitdem arbeitete sie im Physiotherapie-Betrieb der Eltern mit und baute sich langsam, aber sicher einen eigenen Standort in Bausendorf auf. Dann jedoch las die 22-Jährige in einer Fachzeitschrift von einer Frau, die eine Zeitlang in Peru gearbeitet hatte - und war damit vom Virus des Fernwehs infiziert. "Lange hab ich mit mir gehadert, ob ich mich wirklich trauen soll", bekennt Sarah. Als es dann im Privatleben wackelte, stand fest: Ich gehe für ein paar Wochen nach Nepal. Den Papierkram hatte Sarah rascher als die meisten erledigt. Die Organisation "one world working" (oww) half ihr dabei: Neben den beruflichen Fähigkeiten musste sie auch einen Nachweis ihrer sozialen Kompetenzen erbringen. Warum, begriff sie spätestens in Katmandu: Leibesvisitation, überall Militär, kein einziger Europäer, den sie um Rat hätte fragen können, und vor dem Flughafengebäude eine weiße Linie: Ab hier darfst du nicht mehr zurück in den - für dich sicheren - Flughafen. Weit und breit war die versprochene Kontaktperson von oww nicht zu sehen. Schließlich überschritt sie die weiße Linie, und alles ging gut: Ein hilfsbereiter 14-jähriger Kofferträger, dem sie mit zehn Dollar Trinkgeld ein Jahreseinkommen verschaffte, brachte sie zum richtigen Taxi, und das wiederum brachte sie zum richtigen Hotel und zu ihrer Betreuerin Sajani. Knallbunte Farben, alles voll handgeschriebener Werbeplakate in der Amtssprache Englisch, Monsunzeit, Schmutz , und überall verbrennen die Menschen Müll mitten im Getümmel, auch stinkendes Plastik: alles ein bisschen "strange" für behütete Europäerinnen. Nicht jeder kommt damit klar. Sarah berichtet von zwei Österreicherinnen in Stöckelschuhen, die schnell das Handtuch geworfen hätten. Sarahs Arbeitsplatz befand sich in Banepa, einer 16 000-Einwohner-Stadt - "geschätzt, nicht registriert" - etwa 30 Kilometer von Katmandu entfernt. Im Scheer-Memorial-Hospital behandelte sie Patienten, die meist aus der Schicht der Besserverdienenden stammten. Mitten in einem Umfeld, in dem die Mehrheit ohne Wasserspülung lebt und die Hälfte der Kinder keine Schule besucht, gibt es eben auch jene, die sich therapeutische Behandlungen leisten können. Wer einen gebrochenen Arm hatte, kam auch zu ihr: in der Regel genau einmal, denn Krankenversicherungen existieren nicht. Drei Bomben explodierten während ihres fünfwöchigen Aufenthalts in unmittelbarer Nähe. "Es wurde für mich jedoch nicht wirklich brenzlig." Sie stand im Dauerkontakt mit oww, die sie sonst sofort aus Banepa evakuiert hätten. Jeden Montag riefen die Eltern an. "Der Papa war fast neidisch", lächelt Sarah, "aber die Mama hat wirklich gelitten." Erst nach ihrer Rückkehr erfährt sie von Kollegen, dass ihre Eltern fünf Wochen lang "nicht zu gebrauchen" gewesen seien. Am Wochenende ging es nach Katmandu, immer in den Wanderschuhen auf triefend nassen, ungepflasterten Straßen. Statt täglich Reis mit Linsen - "zugenommen hab' ich da nicht" - gönnte sie sich dort wolllüstig Pizza oder Hamburger. Der Aufenthalt im Nepal war Sarahs Jahresurlaub und ein paar Tage obendrauf, und sie hat für diese Erfahrung bezahlt: Einen hohen Betrag an oww plus die Flugkosten. Ihre Arbeitskraft hat sie dem Krankenhaus geschenkt. Ungewöhnlich klingt das nur für uns. Im Scheer-Memorial-Hospital wird die komplette Onkologie durch Spenden finanziert. Auch sonst erlebte Sarah in diesem Land ein bemerkenswertes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ihre Gastfamilie in Banepa fütterte mit großer Selbstverständlichkeit eine alte Nachbarin durch.