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Füße und Häuser bleiben trocken

Füße und Häuser bleiben trocken

LIESER. Zur Geschichte der Gemeinde Lieser gehört das große Kapitel "Hochwasser". Bis vor wenigen Jahren standen die Fluten regelmäßig in den Häusern im Ortskern. Diese Zeiten sind vorbei. Existenzangst wurde von Zuversicht und Aufbruchstimmung abgelöst.

Jeder Ort hat Daten, die sich unweigerlich ins Gedächtnis einbrennen. Oft sind es historische Ereignisse. Auch in Lieser gibt es solche. Die gegenwärtige Situation wird aber maßgeblich mit dem 6. September 2000 in Verbindung gebracht und von diesem Tag beeinflusst. Damals wurde der Hochwasserschutzdamm offiziell in Betrieb genommen. Lieserer bekamen immer als Erste nasse Füße

Vorher bekamen die Lieserer immer als erste nasse Füße, wenn die Mosel über die Ufer trat. Seither hat keine Flut dem Ort und seinen Bewohner etwas anhaben können. Um es etwas prosaisch auszudrücken: Anfang September 2000 wurde die Gemeinde Lieser neu geboren. Die Bekanntschaft mit dem Wasser war vorher für die Lieserer nichts Besonderes. Doch das katastrophale Weihnachts-Hochwasser von 1993 brachte eine Änderung. "Da war die Schmerzgrenze erreicht. Besonders die älteren Menschen haben Angst gehabt", erzählt Ortsbürgermeister Gerhard Stettler. Er wohnt selbst in exponierter Lage und erhielt regelmäßig ungebeten Besuch von der Mosel. Und er weiß, dass speziell 1993 Schäden entstanden sind, deren Beseitigung Unsummen an Geld verschlangen. Stettler ist sicher, dass die Infrastruktur nachhaltig gelitten hätte, wenn der Hochwasserschutzdamm nicht relativ schnell gebaut worden wäre. Und das wäre für den Ort schlimm gewesen. Denn das Leben spielte und spielt sich auf dem Marktplatz und an der Moselstraße ab. Dort waren und sind Bäcker, Metzger, Drogerie, Friseur, Blumenladen, Apotheke, Sparkasse, Winzer, Hotels und Gasthäuser angesiedelt. "Lediglich der Arzt hat sich eine neue Praxis gebaut, ist aber im Dorf geblieben", berichtet Stettler. Für die 1230 Einwohner sei dieser Erhalt der Infrastruktur lebenswichtig. Sie mache Lieser auch für Urlauber interessant, sagt Stettler. "Und rund um den Marktplatz steht kein Haus leer", fügt er an. Ganz so schlimm wie von Stettler befürchtet, wäre es wohl nicht gekommen. Sonja Brösch hätte die Drogerie, die sie 2000 übernahm, auch betrieben, wenn es den Damm nicht gegeben hätte. "Aber ich hätte nicht so viel in die Einrichtung investiert", erzählt sie. Vor 1993 sei man relativ gelassen mit den Fluten umgegangen. "Aber das 93er Hochwasser war ein Schock fürs Leben." "Was wäre mir anderes übrig geblieben, als hier zu bleiben", sagt Bäcker Raimund Licht. Der Damm und die damit entstandene Sicherheit habe aber dazu geführt, dass er in den Umbau seines Ladens mehr investiert habe, als er dies ohne Damm gemacht hätte. Die Gemeinde habe damals schnell reagiert und Pläne auf den Tisch gelegt, lobt er. Floristin Rosi Plenge siedelte sich sogar an, als der Dammbau noch nicht beschlossen war. "Die Lage ist gut", sagt sie. Zehn Mal musste sie ihren Laden noch räumen, ehe das Bauwerk ihr Schutz bot. Früher habe sie ihr Angebot ab November immer reduzieren müssen. Jetzt habe sie Planungssicherheit. In Gedanken verfolge sie das Wasser aber immer noch, sagt sie. Sie ist sicher, dass viele Häuser im Ortskern leer ständen, wenn der Damm nicht gebaut worden wäre. Im Jahr 2000 eröffnete Jutta Thiesen am Marktplatz einen Friseurladen. In erster Linie, weil es in Lieser keinen Friseur mehr gab. "Ohne den Damm hätte ich das aber auf gar keinen Fall gemacht", sagt sie. Gastwirt Peter Thanisch bekam immer als einer der Ersten im Ort Besuch von der Mosel. "Bei einem Pegel von 7,50 Metern konnte niemand mehr das Lokal erreichen", erzählt er. Trotzdem hätte auch er seine Existenz nicht aufgegeben. "Ich glaube aber, dass etliche Läden zu wären", sagt er. Der Damm habe die Zukunft des Ortes gesichert. Thanisch: "Es werden auch wieder Häuser renoviert - Lieser wächst."