Gefährliche Keime breiten sich immer weiter aus

Gefährliche Keime breiten sich immer weiter aus

Am Anfang ein Kratzer an der Hand, am Ende die Armamputation - ein Schreckensszenario, das selten vorkommt. Urheber dieses Szenarios sind mitunter multiresistente Keime (MRE). Der Kreis Bernkastel-Wittlich arbeitet an einheitlichen Standards, wie mit vom Erreger befallenen Patienten umgegangen werden soll.

Wittlich. "Was tun mit dem Wagen?", fragt sich mancher Rettungssanitäter, nachdem er einen mit dem MRE-Keim befallenen Patienten befördert hat. Muss er das Auto komplett desinfizieren? Oder genügt die Standard-Prozedur? "Wir haben sehr viele Defizite im Informationsstandard erkannt", berichtet Dr. Joachim Diwo von einer Tagung, zu der der Landkreis Bernkastel-Wittlich eingeladen hatte. Vertreter von Kliniken, Altersheimen und Pflegediensten kamen zu dem Treffen. Ziel war es, Strategien zu entwickeln, um die Entstehung und Verbreitung von MRE-Keimen zu verhindern. Hintergrund dieser Initiative des Kreises ist eine Landesverordnung über die Hygiene- und Infektionsprävention, die im April 2012 erlassen worden ist. Dabei sollen medizinische Einrichtungen in Verbindung mit den niedergelassenen Ärzten sowie weiteren Diensten, die an der Patientenversorgung beteiligt sind, zusammenarbeiten. Die Koordination soll durch den öffentlichen Gesundheitsdienst erfolgen.
Diwo, bei der Kreisverwaltung im Fachbereich Gesundheit tätig, kann zumindest den als Beispiel aufgeführten Rettungssanitäter beruhigen: "Wenn eine Wunde mit MRE befallen ist, genügt ein Verband, um sie zu sichern und die Umgebung vor Infektion zu schützen." Der Keim werde in diesem Fall über Hautkontakt übertragen, so dass kein Anlass für Panik bestehe.
Wie viele Menschen im Landkreis an MRE erkrankt oder mit MRE befallen sind, lässt sich laut Diwo nicht ermitteln. Es bestehe ausschließlich eine Meldepflicht für den Nachweis aus Blutkulturen. In den vergangenen Jahren habe es zwei solcher Fälle im Landkreis gegeben.
Neben der Information über das richtige Verhalten bei MRE-Befall war die Entwicklung eines speziellen Patientenbegleitbogens ein Thema der Tagung. "Wenn ein Patient zum Beispiel von einem Altenheim oder dem Hausarzt zum Krankenhaus gebracht wird, müssen alle Beteiligten auf demselben Informationsstand sein", sagt Diwo. Deshalb wurde ein standardisierter "Patientenüberleitbogen" entworfen, in dem zum Beispiel vermerkt ist, welches Medikament bereits verabreicht wurde oder welche Keime in welchem Körperbereich gefunden wurden. Dieses Dokument führt der Patient mit sich.
Bei den Betroffenen müsse zudem zwischen besiedelten und infizierten Patienten unterschieden werden. "Es gibt Patienten, bei denen sich die Erreger zum Beispiel im Nasen-Rachenraum ansiedeln. Diese Patienten haben aber keine Symptome." Bei infizierten Patienten hingegen sei der Erreger in einer Wunde oder im Blut und habe unter Umständen Organe angegriffen. "Das sind alles Informationen, die für die Therapie und den Umgang mit dem Patienten wichtig sind", sagt Diwo. Ein Patient, bei dem sich der Keim angesiedelt habe, könne zum Beispiel mit keimtötenden Salben und Waschungen behandelt werden. Dabei müsse aber auch täglich das Bettzeug gewechselt werden, ebenso wie etwa die Zahnbürste. "Das müssen die Pfleger und pflegende Angehörige wissen," sagt Diwo.
Um den Informationsfluss zu gewährleisten, will sich das Netzwerk künftig halbjährlich treffen. Deutschlandweit gebe es circa 400 000 Erkrankungen pro Jahr, die im Krankenhaus entstanden sind. Dazu zählen Katheter-Infektionen, Wundinfektionen oder Blutvergiftungen. Circa 10 000 davon enden mit dem Tod. 20 Prozent dieser Infektionen seien auf multiresistente Erreger zurückzuführen. In den Niederlanden sind es nur zwei Prozent. Dort werden Patienten vor der Aufnahme einen Tag in Quarantäne genommen und untersucht. "Das ist im deutschen Gesundheitssystem aber leider nicht finanzierbar, wobei die beiden Gesundheitssysteme nicht vergleichbar sind" sagt Diwo.
Kontakt: MRE-Netzwerk Bernkastel-Wittlich, Stefan Schmitt, Telefon 06571/14-2463, E-Mail Stefan.Schmitt@Bernkastel-Wittlich.de

Extra

Unter MRE versteht man eine Bandbreite von Bakterien, die gegen Antibiotika resistent geworden sind. Sie sind häufig in Krankenhäusern anzutreffen. Die Ursache für die Resistenz ist oftmals, dass Antibiotika nicht lange genug eingenommen worden sind. Wenn ein Antibiotikum zu früh abgesetzt wird, verbleiben Keime im Körper, die dann ihr Erbgut dahin gehend verändern können, dass sie gegen das Antibiotikum unempfindlich sind. hpl