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Gemeinsam gegen die Verschwendung von Lebensmitteln in Wittlich & Region

Foodsharing : Gemeinsam gegen die Verschwendung von Lebensmitteln in Wittlich & Region

Bewusster mit Essen umgehen: „Foodsharing Wittlich & Region“ hat mit Bungert einen Partner gefunden. Die Aktiven retten Lebensmittel und sorgen dafür, dass sie weiterverwertet werden.

Es ist Dienstagvormittag als Annette Fehrholz und Kerstin Roa mit ihren Kisten am Liefereingang des Einkaufszentrums Bungert stehen. Mit ihren Foodsharing-Ausweisen kommen die beiden zu den Plätzen im Lager der Lebensmittelabteilung, die für „Foodsharing Wittlich & Region“ reserviert sind, und an denen mehrere Wägen gefüllt mit Lebensmitteln auf sie warten. Knapp eine Stunde dauert es, bis sie alles in ihre Kisten gepackt haben, und diese in die Autos geladen sind.

 Vier Mal pro Woche werden bei Bungert hauptsächlich Obst und Gemüse abgeholt. „In einer Stunde ist meine ganze Ladung schon weg“, sagt Roa, Foodsaverin (übersetzt: Lebensmittelretterin) in der Region. Sie hat sich in ihrem Heimatdorf in der Verbandsgemeinde Wittlich-Land eine Foodsharing-Community aufgebaut, bei der sie sich meldet, sobald es wieder Lebensmittel abzuholen gibt. Das läuft ungefähr so ab: Sie sagt Bescheid und nennt den Zeitpunkt, ab dem abgeholt werden kann. Daraufhin kommen alle, die gerade Zeit haben, bringen ihre Körbchen mit, und nehmen sich die Lebensmittel mit, die sie verarbeiten möchten. „Viele konnten es anfangs nicht glauben, dass sie dafür nichts zahlen müssen“, erzählt Roa. Aber genau darum geht es. Ziel ist nicht, mit Foodsharing Geld zu verdienen, sondern die noch essbaren Lebensmittel, die Geschäfte aus diversen Gründen entsorgen, zu retten und an Menschen zu verteilen, die daran interessiert sind.

Die erste Kooperation konnte Fehrholz im Dezember 2018 mit einem Supermarkt in der Verbandsgemeinde Wittlich-Land vereinbaren. Seit Ende August dieses Jahres ist auch das Warenhaus Bungert in Wittlich Kooperationspartner. Für Geschäftsführer Matthias Bungert ist das eine Win-Win-Situation: „Ich fing an, mich für Foodsharing zu interessieren und da kam auch schon Frau Fehrholz auf mich zu. Ich finde es gut, dass keine Gewinn-Erzielung im Vordergrund steht, sondern dass Leuten geholfen wird. Es geht darum, Gutes zu tun, und Lebensmittel nicht grundlos entsorgen zu müssen.“ Bei einem so großen Sortiment wie in seinem Geschäft und den Erwartungen der Kunden bleibe Ware schon einmal übrig. Das sei unumgänglich, ob es eine Banane mit Flecken ist, die man eher im Regal liegen lässt, oder eine Packung Milch, deren Mindesthaltbarkeitsdatum gerade abgelaufen ist. „Da ist es gut, dass die Foodsharer diese Waren in ihrem Kreislauf weitergeben. Als ich Frau Fehrholz fragte, wie viel Ware sie haben wolle, sagte sie mir: ,Am liebsten gar nichts.’ Diese Einstellung hat mich überzeugt“, sagt Bungert.

Im September 2017 wurde der Bezirk „Foodsharing Wittlich & Region“ von Annette Fehrholz gegründet. Das Ziel: Ein Netzwerk aufzubauen, in dem Menschen aus der Region Foodsharer (Lebensmittelteiler) oder Foodsaver (Lebensmittelretter) werden möchten und sich dafür engagieren. Foodsharer sein bedeutet, bestimmte Lebensmittel von privat zum Abholen anzubieten, und im Gegenzug auch genau solche Reste bei Interesse abzuholen. Beispiele dafür sind: übriggebliebene Lebensmittel im Kühlschrank bevor eine Urlaubsreise angetreten wird, Überreste einer Geburtstagsparty, oder einen Überschuss von selbst angebauten Lebensmitteln aus dem Garten. Statt diese Reste wegzuwerfen, können sich andere darüber freuen. Foodsaver gehen noch einen Schritt weiter: Sie engagieren sich dafür, dass überschüssige Lebensmittel von Supermärkten nicht weggeworfen werden, sondern bei ihnen landen und durch Weiterverteilen noch weiter genutzt werden können.

Dafür erhalten sie den Foodsaver-Ausweis, den auch Fehrholz und Roa bei der Abholung vorgezeigt haben. In Absprache mit den jeweiligen Betrieben können sie die Lebensmittel an vereinbarten Zeitpunkten umladen und mitnehmen. Die Foodsaver werden eingearbeitet und können dann eigenständig Lebensmittel abholen und verteilen.

Fehrholz erinnert sich an ihre erste Foodsharing-Veranstaltung: „Das erste Event war in Bengel vor der Turnhalle. Der Ansturm war sehr groß, aber trotzdem waren die Leute erst mal sehr verhalten.“ Niemand schien wirklich zu wissen, was da gerade passiert. Ein Problem sieht Fehrholz bei der jeweiligen Vorstellung und Grenze der Menschen, was für sie individuell noch genießbar ist. Sie beschreibt: „Viele Menschen verwechseln leider ‚mindestens haltbar bis‘ mit ‚tödlich gültig ab‘“. Damit ist das Mindesthaltbarkeitsdatum gemeint. Viele Produkte sind auch nach dem Datum noch genauso genießbar wie davor. Das ist auch ein Grund, wieso so viele Lebensmittel nicht gegessen werden, die eigentlich noch verarbeitet werden könnten. „Etwas, was ein anderer nicht mehr benötigt, muss nicht direkt in den Müll“, beschreibt Fehrholz und bringt damit das Ziel von Foodsharing auf den Punkt. Seit Sommer dieses Jahres hat sie mit Richard Spang noch einen weiteren Botschafter für „Foodsharing Wittlich & Region“. Gemeinsam sind sie die Organisatoren der Gruppe und koordinieren sowohl die Arbeit im Bezirk, als auch die Abholfahrten.

Ein Ziel von „Foodsharing Wittlich & Region“ ist es, das Bewusstsein noch weiter zu stärken. Momentan gibt es 66 registrierte Foodsaver im Bezirk „Wittlich & Region“. Diese wohnen verteilt im Landkreis Bernkastel-Wittlich. Fehrholz hat über die Zeit den Eindruck bekommen, dass in vielen Dörfern die Einstellung besteht, dass nur Menschen, „die sich anders keine leisten können“, solche Lebensmittel in Anspruch nehmen. Aber das ist nicht der Leitfaden von Foodsharing. Sowohl in dieser Region, als auch bundesweit, geht es darum, das Bewusstsein über die Lebensmittelverschwendung zu stärken und darauf aufmerksam zu machen. „Es gibt noch so unheimlich viel Potenzial, auch hier in der Region“, so Fehrholz. Ein wachsendes Team wäre dafür eine große Hilfe. Eine vergrößerte Reichweite der Foodsharer und Foodsaver würde auch bedeuten, dass die Strecken, die momentan noch teilweise von Foodsharern zurückgelegt werden müssen, gekürzt werden könnten, wenn das Angebot auf mehrere Dörfer erweitert werden würde.

Für Fehrholz ist es wichtig, dass Interessenten nicht denken, sie würden sich durch eine Anmeldung zu etwas verpflichten. Das Team von „Foodsharing Wittlich & Region“ würde sich „über jeden kleinen Beitrag freuen“. Über die Intensität der Teilnahme kann jeder individuell entscheiden und es werden keine Mindestzeit und kein Mindesteinsatz erwartet, sondern jeder soll so viel machen wie er kann und möchte.

Für die Zukunft verrät sie noch einen weiteren Plan. Ab Ende November sind regelmäßige Koch- und Mitessveranstaltungen geplant. Unter dem Namen „Küche für alle“ treffen sich Menschen, bringen ihre Lebensmittel mit und verarbeiten sie alle zusammen zu verschiedenen Gerichten. Die Gruppe „Foodsharing Wittlich & Region“ hofft sowohl auf interessierte neue Lebensmittelteiler und -retter, als auch auf Betriebe, die auf die Möglichkeit, die Lebensmittel nicht wegwerfen zu müssen, aufmerksam geworden sind, und sich bei ihnen melden um ein Teil von Foodsharing zu werden.

Für weitere Informationen stehen die Botschafter Annette Fehrholz und Richard Spang per Email unter wittlich@foodsharing.network zur Verfügung. Telefonisch ist Annette Fehrholz unter der Nummer 06532/ 9559379 zu erreichen. Auf www.foodsharing.de im Bezirk „Wittlich & Region“ können die Registrierung und Anmeldung vorgenommen werden.