Geschäft auf Zeit: Der Männerladen in Wittlich

Geschäft auf Zeit: Der Männerladen in Wittlich

Das Wittlicher Projekt gegen die Leerstände, genannt Alwin, bringt ersten "Pop-up-Shop" in die Stadt.

Es ist ein Experiment. Winfried Bungert freut sich drauf. Bungert vom großen Traditionswarenhaus am Wittlicher Stadtrand. Das Familienunternehmen öffnet ausschließlich für sechs Wochen ein Geschäft mitten in der Altstadt, am Pariser Platz. Der Name lautet so wie das Konzept dahinter: Der Männerladen.

In dem Eckgebäude war zuletzt ein Blumenladen. Als Leerstand ist nun das Geschäft ein Fall für Alwin. Alwin? Wer noch nicht weiß, wer das nun wieder ist: Alwin ist die Abkürzung für "Aktives Leerstandsmanagement Wittlicher Innenstadt".
So wiederum nennt sich ein 2016 gestartetes Projekt. Mit Alwin wird versucht, auf innovative Art Geschäftsideen aus den Bereichen Handel, Handwerk, Gastronomie oder Kreativwirtschaft in Wittlichs Altstadt möglich zu machen.

Dafür gibt es vielerlei Unterstützung durch Karin Schade und Rainer Wener, Wirtschaftsförderung bei der Stadtverwaltung. Die beiden Alwin-Verantwortlichen setzen sich für alle ein, die etwas ausprobieren wollen. Jedem wird bei gemildertem Risiko und mit viel beratender Starthilfe auch von anderen erfahrenen Geschäftsleuten geholfen. Das Ziel ist, auch unkonventionell die Leerstände der Altstadt mit Händlern und Produkten aller Art zu füllen (der TV berichtete). Dafür mussten auch die Inhaber gewonnen werden, umzudenken. Sie stellen zum Teil für eine halbjährige Startzeit nur Nebenkosten als Miete in Rechnung. Oder sie bieten an, wie für das neue Projekt "Pop up", eine Ladenfläche für wechselnde Mieter zu einem Festpreis von 75 Euro in der Woche und einen Zeitraum von einer Woche bis zu drei Monaten zur Verfügung zu stellen. Deshalb wird der Männerladen auf Zeit möglich. Das Geschäft liegt in der Trierer Straße 18, Ecke Pariser Platz.

Winfried Bungert, auch im Stadtmarketingverein engagiert, ist der erste, der es ausprobiert: "Der Männerladen ist für uns eine spannende Geschichte. Wir können zeigen, was wir können und einen Ausschnitt aus unserem Sortiment vom Craftbeer über Mode bis zum Badeöl zusammen bringen, was bei uns auf der Fläche so nicht geht." Im Experiment wolle man "die Kunden überraschen und keine gigantischen Umsätze fahren."
Eröffnung soll am 3. März sein. "Das ist passend zum verkaufsoffenen Sonntag, denn wir wollen eine hohe Aufmerksamkeit erzielen", sagt Rainer Wener. Die Schaufenster werden auch so gestaltet, dass man sieht, dass es um ein Alwin-Projekt geht.

Der Männerladen schließt dann an Ostern. Dann ist Platz für den nächsten, der will. Einen Interessenten gibt es laut Karin Schade, ab August sei das Pop up-Geschäft wieder fest gebucht. Jetzt werden Ladenideen für die Lücken dazwischen gesucht. "Der Pop up-Baustein ist für jeden, der etwas ausprobieren will, aber unsicher ist, wie sein Produkt ankommt", sagt Karin Schade, "und wir können damit schnell sichtbar machen, dass sich mit Alwin etwas tut."

Von den rund 30 Leerständen seien 15 bis 20 ins Projekt Alwin eingebunden. Die Ladengrößen reichen von mehr als 500 Quadratmeter wie im ehemaligen Schleckermarkt bis zu Läden mit 30 Quadratmetern.
"Wir haben jetzt durch das Programm aktive Stadtzentren Investitionen von 30 Millionen Euro in der Innenstadt angestoßen. Die dienen dem Wohnen und haben die Einwohnerzahl im Zentrum von 600 auf 900 gesteigert. Weiteres Ziel ist eine schönere Aufenthaltsqualität. Die wollen wir zum Beispiel mit den Platzumgestaltungen, der Posthalterei und jetzt Stadt am Fluss erreichen.

Eine weitere Maßnahme für die Innenstadt ist nun Alwin. Durch das Projekt sind die Probleme, mit denen auch andere Städte kämpfen, nicht verschwunden. Aber wir wollen vermitteln, motivieren. Denn besser als tote Räume ist, wenn etwas im Laden passiert", sagt Rainer Wener.
Wie könnte die Zukunft aus Alwin-Sicht aussehen? "Wir haben schon viele ellenlange Gespräche geführt. Auf lange Sicht hoffen wir, besondere, hochwertige Produkte in die Stadt zu bringen", so Wener. Neue Geschäfte wie die Whiskyburg und Glanzvoll in der Burgstraße liefen beispielsweise gut. Winfried Bungert als Fachmann ergänzt: "Das können wir bestätigen. Sachen, die hochwertig sind, die sind die Zukunft des stationären Einzelhandels. Die Mittelklasseartikel, die man schon kennt, werden online gekauft, im Preissegment darunter gibt es dann die Discounter."

Und warum macht das etablierte Warenhaus Bungert mit? "Es geht darum, die Innenstadt zu unterstützen, aber auch, unser Spektrum zu zeigen. Und ich bin der Meinung, dass man als Wittlicher zusammenhalten, sich gemeinsam gegen online und Versand positionieren muss."

Infos: www.wittlich.de/alwin , Stadtverwaltung, Telefon 06571/171310 oder E-Mail: info@stadt.wittlich.de KommentarMeinung

Neu denken, wagemutig sein
Ein Traditionsgeschäft erben und weiterführen wie bisher, das ist kein Selbstläufer. Und mit hinreichend Kapital, Ideen und Herzblut ein eigenes Geschäft bei vollem Risiko aufbauen, das ist in den heutigen Zeiten von Internet und mobilen Kunden als Schnäppchenjäger schon wagemutig. In Wittlich kann aber der Wunsch, sein eigener Herr im Laden zu werden, neu gedacht werden. Nicht mehr auf dem klassischen Weg als Alleinkämpfer, sondern mit viel Unterstützung: Von Hauseigentümern, den Wirtschaftsförderern der Verwaltung, anderen Geschäftsleuten selbst. Das ist Alwin. Und Alwin öffnet auch all denen die Tür, die vielleicht nicht vom Laden fürs Leben träumen, sondern vielleicht erst ein eigenes, innovatives Produkt haben, dass sie nicht nur online verkaufen wollen, sondern persönlich. Das ist eine Chance für immer noch Wagemutige, hoffentlich gibt es sie noch. Wittlich wäre es zu wünschen. s.suennen@volksfreund.de