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Glaskünstlerin zieht es zurück in den Norden Deutschlands

Glaskünstlerin zieht es zurück in den Norden Deutschlands

Nach 20 Jahren regen Atelierbetriebs mit zahlreichen Ausstellungen, Projekten und Aufträgen in Hottenbach (Kreis Birkenfeld) hat sich Beate Kuchs dazu entschlossen, ihren Lebens- und Arbeitsschwerpunkt wieder in den Norden zu verlegen. In Oldenburg hat sie ab Mai in der alten Brennerei Hilbers eine neue Wirkungsstätte gefunden.

Hottenbach. Ein Leben als freischaffende Künstlerin auf dem Hunsrück: Viel hat die gebürtige Hamburgerin Beate Kuchs, Jahrgang 1954, zu erzählen:"Als Kind habe ich Berge von Papier bemalt. Menschen, Landschaften, später Architektur- und Konstruktionszeichnungen von Fantasiegebäuden und Maschinen. Der Eklat kam mit der Berufswahl. Nein, eine Ausbildung zur Grafikerin wäre zu unsicher, etwas Akademisches sollte es sein, etwas Sicheres, Lehrerin zum Beispiel, meinte mein Vater. Meine Mutter wünschte sich nur, dass ich glücklich werde. Mein Gestaltungswille war zu stark und der Trotz auch."
Das Mädchen, aus dem mal was Besseres werden soll, verweigert sich, studiert Kunst an der Hochschule, kämpft bis zur Erschöpfung gegen Atomkraftwerke, geht auf die Straße und ist angesteckt von den Ideen des "armen und des unsichtbaren Theaters", erzählt sie. Die junge Frau wird Clown, entdeckt sich und die Welt, greift unliebsame Themen auf, verdient wenig Geld. Mit einer Theateragentur wird\'s besser, Reisen kreuz und quer durch Deutschland, Theaterprojekte mit 150 beteiligten Akteuren: "Ich erschuf mir meine eigene Welt." Immer bleibt die Suche nach Erdung, nach den Wurzeln. Bei einem Theaterfestival verliebt sie sich in einen Puppenspieler, der leider nicht zu haben ist. Sie will aufs Land, in die Natur. Und landet zwei Jahre später, des Wartens überdrüssig, in Köln bei einem anderen Mann, von dort geht es weiter in den Hunsrück auf eine Mühle: "Dort lebten wir gemeinsam mit vielen anderen den Traum vom autarken Leben, ich kaufte mir einen Zirkuswagen, baute den Wagen aus, schaffte mir ein Nest, erlebte die Landschaft des Hunsrücks ganz unmittelbar, unter freiem Himmel mit dem Wagen umherziehend und mit eigenem Garten." Sie erinnert sich: "Eines Tages bekamen wir hohen Besuch von einem Kriminalkommissar, weil im Nachbardorf eingebrochen worden war und wir verdächtigt wurden. Manchmal hatte ich große Angst mitten in Deutschland." Mittlerweile ist sie allein: "Das Angebot meiner Eltern, mich vorzeitig zu beerben und ein Haus zu kaufen, nahm ich an."
Kein gedeckter Tisch für Künstler



Das erste Geld reicht 1995 gerade für den Erwerb eines total heruntergekommenen Hauses in Hottenbach. "Meine Kräfte wuchsen, und in zwei Jahren wurde aus einem abbruchreifen Teil ein wunderbares lebendiges Heim." 1998 findet die erste Ausstellung im eigenen Atelier statt. Seitdem sind es knapp 50 geworden. "Was ich nie zu hoffen gewagt hatte am Anfang, trat ein. Ich bekam treue Stammkunden, die sich zu Sammlern meiner Kunst im Glasatelier entwickelten. Natürlich war mir immer klar, dass ich allein von der Region nicht würde leben können, also fuhr ich auch wieder kreuz und quer durch Deutschland und Luxemburg." Verläuft das Leben immer in Schleifen? Diese Frage drängte sich ihr auf. Vor acht Jahren kam der Puppenspieler von einst wieder ins Spiel, die alte Sehnsucht erwachte, wie Kuchs erzählt. Doch aus einem Zusammenleben wird nichts. Die finanzielle Lage stellt sich problematisch dar. Trotz einiger Aufträge für Kunst am Bau. "Der Hunsrück ist kein gedeckter Tisch für Künstler. Und kann teilweise auch nicht mit ihnen umgehen. Ich muss etwas ändern. Ich habe ein schönes Haus, einen schönen Garten. Was nützt das, wenn ich hier nicht mehr glücklich bin? Nicht hineingeboren und verwandt, meine Wurzeln sind nicht hier, vielleicht habe ich keine Wurzeln als Kind einer kriegszusammengewürfelten Elterngeneration. Der Nebensatz eines Galeristen, in Oldenburg würde ein Glasatelier frei, war der Auslöser. Ich kannte Oldenburg gar nicht, fuhr hin aus Neugier. Doch ich fühlte mich spontan wohl. Ich überlegte nicht lange. Der Aufbruch in eine unbekannte und doch irgendwie vertraute Welt ist beschlossene Sache. Das war im September 2014. Es stellt sich natürlich Traurigkeit ein, die vielen Menschen, die ich hier kennengelernt habe, mit denen ich gefeiert, gelacht und gestritten habe, zu verlassen."
Allerdings habe sie oft zu spüren bekommen, dass Kunst einfach nicht die Wertschätzung erfährt, die sie verdient. Fünf Jahre als Mitglied im Gemeinderat waren ein Lehrstück darüber, wie schwer es Frauen haben, als politisch vollwertiges Mitglied einer Dorfgemeinschaft anerkannt zu werden.
Schon am 3. Mai hat Kuchs ihre Eröffnungsausstellung in Oldenburg. vmExtra

Der Titel "Die letzte Ausstellung" passt: Beate Kuchs lädt für Freitag, 17. April, 18 Uhr, letztmalig in ihr Atelier ein. Nach einem Sektempfang mit Begrüßung der Gäste spielt ein Klarinettenduo der Kreismusikschule. Martina Zipf aus Leisel zeigt eine Tanz-Performance. Gegen 19 Uhr hält Landrat a. D. Axel Redmer eine Laudatio. Dann geht es weiter mit Getränken und Häppchen und natürlich Kunst, die auch im Garten präsentiert wird. Am Samstag und Sonntag, 18. und 19. April, jeweils von 11 bis 18 Uhr können sich Interessierte ebenfalls im Atelier umschauen und sich von der Künstlerin im persönlichen Kontakt verabschieden. vm