GLAUBE IM ALLTAG

Ich betrachte das Kind in der Krippe - so unschuldig und hilflos wie es da liegt, und lese daneben die Schreckensnachrichten aus Berlin. Einen größeren Gegensatz zwischen Weihnachtsbotschaft und Wirklichkeit kann es kaum geben.

In den Weihnachtsgottesdiensten wird die Menschwerdung Gottes und der Friede auf Erden beschworen. Das ist der Kern christlichen Glaubens, der aber in heutiger Zeit ziemlich aufgeweicht wirkt. Es ist schwer zu glauben, dass Jesus Christus vollständig und ohne Abstriche Mensch und ohne jede Abstriche ebenso vollständig Gott sein soll. So müssten wir eigentlich an Weihnachten feiern, dass Gott, indem er seinen Sohn in der Gestalt eines Kindes zu uns schickt, der Menschheit seine unendliche Barmherzigkeit erweist und den Menschen in den Mittelpunkt all seiner Bemühungen stellt. Damit wertet er sie so sehr auf, wie es außerhalb des Christentums nirgendwo zu finden ist. Die logische Konsequenz aus dieser Tatsache ist, dass die Menschen durch die Menschwerdung Gottes Brüder und Schwestern und damit, wie Thomas von Aquin es ausdrückt, "Mitarbeiter Gottes" werden. Damit begegnet man Gott nicht bloß geistig, sondern ebenfalls leibhaftig in jedem Mitmenschen, in meinem "Nächsten". In jedem Menschen Jesus Christus, also Gott selbst, sehen zu können, in jeder Begegnung Gottes Liebe spürbar zu machen, wäre das nicht überzeugend gelebte Weihnachtsbotschaft? Die brennende Weihnachtskerze ist dafür ein Symbol. Wenn sie brennt, gibt sie alles her zugunsten des Lichtes und der Wärme, auch wenn sie so ihr eigenes Ende herbeiführt. Wir Menschen haben die Wahl. Entweder wir ziehen uns zurück, sorgen nur für uns, verhärten - dann bleibt es in und um uns herum kalt und leer - das bereitet auch den Boden für solche Attentate. Oder wir gehen auf die Menschen zu, schenken von unserer Liebe und Wärme - dann wird es in und um uns herum warm und hell. Aber wir müssen etwas von uns hergeben, von unserer Freude, unserer Herzlichkeit, unserem Lachen, aber auch Weinen. Nur wer sich selbst verschenkt, wird reicher. Vielleicht ist es bei vielen Menschen deshalb so düster, weil sie sich scheuen, für andere da zu sein. Ein einziges Licht, das brennt, ist mehr wert als alle Dunkelheit der Welt. Also lassen wir uns von einer kleinen Kerze Mut machen: Im Licht Gottes erfahren wir uns der Welt entfremdet und einsam, jedoch nicht allein. Es kommt einer, auch wenn es zurzeit schwer zu glauben ist, der Immanuel - Gott mit uns. Paul Plehacz ist Lehrer im Ruhestand.