GLAUBE IM ALLTAG

Einen jungen Menschen für immer im Elternhaus zu behalten ist mehr denn je eine unrealistische Vorstellung. Die große, weite Welt ruft von überall her, und die scheinbaren Versprechungen für ein erlebnisreiches, tolles Leben außerhalb der gewohnten Geborgenheit sind durchaus überzeugend.

So erging es einst auch einem jungen Mann. Um seine Bedürfnisse auszuleben, scheute er sich nicht, von seinem Vater das zukünftige Erbe einzufordern. Sein Vater gab ihm sein Erbe und ließ ihn ziehen. Geblendet von den Verführungen der Welt verschwendete der junge Mann sein Vermögen und landete mehr als unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Ein Leben ohne Geld bedeutete: Hunger, Durst, Kälte, Einsamkeit, Verzweiflung, Erniedrigung tagtäglich am eigenen Leib spüren und erdulden. Alles hat dabei seine Grenzen. Und irgendwann kommt dann der Moment, wo man sich entscheiden muss, ob man aus Angst oder falsch verstandenem Stolz weiter versinkt oder ob man sich darauf besinnt, dass sich alles zum Guten wenden kann. Mit dieser Hoffnung im Herzen ging der junge Mann nach Hause zurück und wurde dort voller Freude von seinem Vater empfangen und wieder aufgenommen. Das Geschehene wurde ihm verziehen, und er konnte so seinem Leben eine Kehrtwendung geben und gestärkt durch das ihm entgegengebrachte Vertrauen neu beginnen. Eine Geschichte eben, werden jetzt einige von Ihnen denken! Aber eine Geschichte, die weitreichende Folgen hatte! Bei der intensiven Auseinandersetzung mit biblischen Texten, insbesondere dem Brief des Paulus an die Römer und dem oben erzählten Gleichnis vom verlorenen Sohn, war es Martin Luther vor fast 500 Jahren möglich, zu einer bahnbrechenden Erkenntnis zu gelangen.Daran erinnern wir uns heute am Reformationstag und sind als evangelische Christinnen und Christen dankbar für die Chancen, die Martin Luther uns durch eine neue Sicht auf Gottes Wort geschenkt hat: Wir Menschen können durch gute Taten Gottes Handeln nicht beeinflussen, seine Gnade der Vergebung nicht erkaufen. Vielmehr handelt Gott wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Gott schenkt allen Menschen, die auf ihn vertrauen, seine unendliche Liebe - ganz umsonst! Uschi Fusenig ist Prädikantin in der evangelischen Kirchengemeinde Bernkastel-Kues.

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