GLAUBE IM ALLTAG

Im Mittelalter gab es Künstler, die Gesichter malten, deren Augen den Betrachter immer anschauten, unabhängig davon, ob dieser sich davor, rechts oder links, in Ruhe oder in Bewegung befand. In einer seiner Schriften benutzt Nikolaus von Kues diese Maltechnik, um symbolisch das Verhältnis der Menschen zu Gott zu erläutern.

Gott "sieht" alle Menschen, unabhängig davon, wo und wie er lebt, was er tut, wohin er sich bewegt. Dabei ist "Sehen" für ihn dasselbe wie Lieben, Suchen, Begleiten, Sorgen, Erbarmen. Es ist nicht das drohende "Gott sieht alles", womit man manche von uns in ihrer Kindheit davon abzuschrecken versuchte, etwas Verbotenes zu tun. Wir Menschen orientieren uns im Allgemeinen anders: Wir wollen erst genau wissen, wer oder was Gott ist, ob die Vorstellung von ihm sich mit unseren naturwissenschaftlichen, historischen, psychologischen Erkenntnissen verträgt, bevor wir (vielleicht) geneigt sind, uns auf ihn einzulassen. Für den Denker aus Kues wird Gott in dem Maße sichtbar, in dem wir uns von ihm ansehen lassen. Wir erkennen seine Güte in dem Maße, in dem wir selbst gütig sind, seine Liebe, indem wir selbst lieben, seine Barmherzigkeit, indem wir selbst barmherzig sind. Diese fast 600 Jahre alte Perspektive könnte, ernst genommen, ganz neu eine Hilfe sein, aus der gegenwärtigen Sinn- und Glaubenskrise hinauszufinden. Karl-Heinz Musseleck, Oberstudiendirektor i.R.