glaube im alltag

Längst steht der Plan in Judas\' Kopf fest. Er wird Jesus verraten.

Das ist ihm teuer zu stehen gekommen. Der Evangelist Matthäus (nur er!) lässt ihn sich bald darauf erhängen, hinter skrupelloser Geldgier verbirgt sich fortan die Judasmentalität und für den Verrat in der Liebe steht der Judaskuss. Der emeritierte Rhetorikprofessor Walter Jens wagt in einem Buch über Judas die spannende These: ohne Judas keinen Kreuzestod Jesu, ohne Kreuz keine Erlösung, kein Heil für uns. Auf Anhieb mag das provozierend, gar abwegig klingen. Doch Jesus selbst scheint von dieser Haltung gar nicht so weit weg. Er weiß, Judas wird ihn verraten. Doch er feiert mit ihm das Passah-Mahl, er stößt ihn nicht hinaus, hetzt keinen gegen ihn auf, hat ihn wohl nicht einmal verurteilt. Das Böse als Teil unserer Welt, der Verrat, obwohl (zwei) Menschen sich über alles lieben, der Schatten in einem Menschen mit so vielen Stärken, das Gemeine und Verlogene neben aller Aufrichtigkeit. Ist das nicht oft die Erfahrung, die wir im Leben machen, mit anderen Menschen, auch denen unserer Liebe und vor allem mit uns selbst? Erlösung, Heil, Vertrauen, Liebe trotz allem, das geht nicht, indem wir diese dunklen Seiten nicht wahrhaben wollen, verleugnen, mit Gewalt bekämpfen, aburteilen, unverzeihlich nennen, verstoßen, abbrechen. Jesus bleibt mit Judas in der Tischgemeinschaft und somit in der Gemeinschaft mit Gott. In der vor uns liegenden Karwoche möchte ich so auf das Dunkle und den Verrat in mir, den Menschen mit mir, in unserer Welt schauen. Der Weg hin zu Ostern führt nicht über Verdammung, Verurteilung und Ausschluss. Ostern beginnt, wo ich mit mir selbst und den Menschen meiner Liebe verbunden bleibe - obwohl es diesen Judas in uns gibt. Jörg-Walter Henrich, Evangelischer Pfarrer in Traben-Trarbach

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