Glaube im ALLTAG

Es gibt einen Ruck. Wir sitzen fest.

Es ist Freitagnachmittag. Schöne Bescherung! Der Fahrstuhl im Altenheim ist zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk stehengeblieben. Die Altenpflegerin und ich schauen uns an, als würden wir in dem Moment das Gleiche denken: Hoffentlich erreichen wir um diese Zeit noch jemanden von den Handwerkern!? Über den Notruf erhalten wir die Auskunft, dass ein Elektriker noch da sei, es werde aber eine halbe Stunde dauern. So lange müssten wir uns gedulden. Das tun wir. Und schweigen. Vielleicht weil das eine komische Situation ist und keiner weiß, was er sagen soll. Ich versuche witzig zu sein: "Haben Sie heute Abend noch was vor?" "Ja", meint die Frau, "wir wollten zum Chinesen essen gehen". "Ich hoffe, er hat lange auf", erwidere ich. Wir müssen beide lachen. Das Eis ist gebrochen. Wir reden über Gott und die Welt, über die Arbeit im Altenheim. Den Stress. Den Personalmangel. Die zunehmende Demenz bei den Bewohnern. Und dann meint die Altenpflegerin irgendwann: Und damit nicht genug, hat man auch zuhause noch jede Menge Ärger. Und sie beginnt zu erzählen. Sie lebt in Scheidung, jetzt nachdem die beiden Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Eigentlich hätte sie diesen Schritt schon viel eher tun müssen, meint sie. Aber wie das so ist - wegen der Kinder wartet man dann halt. Immer mehr erzählt sie sich ihre Geschichten von der Seele. Dass sie darunter leidet, weil sie doch gläubige Katholikin sei. Und dann das mit der Scheidung. Aber ihr Mann sei ein Trinker. Immer häufiger habe er sie dann im betrunkenen Zustand geschlagen. Für die Kinder sei das schlimmer gewesen als für sie selbst. Wie verängstigte kleine Hasen hätten sie dann in der Ecke gekauert. "Wie hilflos und klein ich mir dann vorkam ... ich kann es Ihnen gar nicht sagen." Sie muss weinen, ich krame ein Taschentuch aus meiner Jacke. Die Zeit vergeht, die halbe Stunde, die wir auf den Handwerker warten sollten, ist längst vorbei ... "Festgefahren", meint die Frau, "wie in meinem Leben. Alles ist festgefahren. Keine Bewegung mehr drin. Ich wünsche mir so sehr, dass es anders wird - irgendwie, dass es weitergeht." Das wünschte ich ihr auch. Das Leben ist im Grunde auch wie ein Fahrstuhl. Mal geht es rauf, mal geht es runter. Und dann und wann kommt es vor, dass es stockt. Zeiten, in denen Stagnation herrscht. Dann bedarf es wieder eines erneuten Rucks. Damit es im Leben wieder weiter gehen kann. Nach gut einer Stunde ging es auch mit unserem Fahrstuhl wieder weiter. Der Schaden war behoben. Unser kleines Gefängnis entließ uns wieder in die Freiheit. Dr. Harald Müller-Baußmann ist Diakon in der Altenseelsorge.