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Goethe, die Stein und ein Brief aus Italien

Goethe, die Stein und ein Brief aus Italien

Das Monodrama "Ein Gespräch im Hause von Stein über den abwesenden Herrn von Goethe", eines der erfolgreichsten deutschen Bühnenwerke des 20. Jahrhunderts, ist in Kues erneut aufgeführt worden.

Bernkastel-Kues (bg) Die Bühne ist nicht größer als sechs Quadratmeter. Die Requisiten: ein Herrendiener samt Jacke, ein Glöckchen, ein paar umherliegende Briefe, ein Glas Wasser, ein Tisch, ein Hocker, ein Teppich und ein großer Kerzenleuchter. Fertig ist die Kulisse für ein Beziehungsdrama in fünf Akten, dargestellt von nur einer Person. Stefanie Ahlbrecht verkörpert erneut die Charlotte von Stein im Cusanushaus in Bernkastel-Kues.
Allein spricht sie zu einem Publikum, das zahlenmäßig an diesem Abend leider nicht größer ist als eine etwas größere Familie, wie Museumsleiter Gerhard Kluth vor Beginn der Aufführung in seiner Begrüßungsrede feststellt. Der Monolog der Freifrau richtet sich an das Publikum und an ihren Gatten Josias. Es geht um sie und ihre Beziehung zu Goethe, die damit begann, dass sie Goethe hoffähig machen sollte, ihn quasi erziehen. Während man gemeinhin davon ausgeht, dass die Beziehung zwischen den beiden rein platonisch war und mehr eine Seelenverwandtschaft, lässt Peter Hacks in seinem Drama die Freifrau die ganze Bandbreite einer polarisierenden Mann-Frau-Beziehung durchleben. Es beleuchtet alle Facetten des Mannseins, die vor 200 Jahren schon genauso gegeben waren wie in den 1970ern, als das Stück entstand, und die auch heute noch zur Diskussion stehen, frei nach dem Motto: "Wann ist der Mann ein Mann?".
Charlotte von Stein ist sich sicher, wie ein Mann zu sein hat, und Goethe ist nichts von alledem. Sie lässt kein gutes Haar an ihm, lästert über seine politischen Ambitionen und seine humanitären Bestrebungen. Sie gibt sich hart und unnahbar: "Eine Frau muss sich zur Aufgabe für den Mann machen." Am Ende offenbart sich aber das ganze Drama, denn sie wartet vergeblich darauf, dass Goethe aus Italien zurückkehrt und mit ihr leben will.
Obwohl die Künstlerin Stefanie Ahlbrecht erst seit ein paar Jahren auch Schauspielerin ist, gelingt es ihr hervorragend, die Zerrissenheit einer verheirateten Frau in der Liebe zu einem anderen - und im Fall von Goethe ganz besonderen - Mann dem Publikum herüberzubringen.
Rolf Klotzche aus Wehlen, der regelmäßig die Veranstaltungen im Cusanus-Geburtshaus besucht, ist froh, dass Gerhard Kluth das kulturelle Angebot in Bernkastel-Kues reicher macht und zeigt sich auch von der Künstlerin selbst begeistert.
Stefanie Ahlbrecht hat auch eine Gemäldeausstellung unter dem Titel "Gefärbte Stille" im Cusanushaus, die noch bis 14. Mai andauert.

Extra: CHARLOTTE FREIFRAU VON STEIN


Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein, geborene von Schardt, wurde am 25. Dezember 1742 in Eisenach geboren. Sie war eine Hofdame der Herzogin Anna Amalia und enge Vertraute von Herzogin Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach. Sie galt nicht nur als enge Freundin von Johann Wolfgang von Goethe, sondern auch von Friedrich Schiller und von Johann Gottfried von Herders Familie. Die Stein lernte Goethe 1775 persönlich kennen. Dieser verliebt sich in sie. Wie weit die Beziehung wirklich ging konnte nie richtig geklärt werden. Charlotte von Stein starb 1872 in Weimar.