Grabsteine aus Blei gegen das Vergessen

Grabsteine aus Blei gegen das Vergessen

Ausgrenzung, Vertreibung, Tod - sehr häufig sah so in der Vergangenheit das Schicksal derjenigen aus, die anders waren, als das jeweils vorherrschende politische System es von ihnen verlangte. Ihnen allen, den vielen oft auch Namenlosen, hat der Künstler Peter Ketturkat aus Briedel ein Denkmal gesetzt.

Zell. Es ist eine besondere Atmosphäre, die den Besuchern der Synagoge in Zell in diesen Tagen entgegenschlägt: Während draußen heiße Temperaturen herrschen, spürt man im jüdischen Gotteshaus eine kühle und ruhige Stimmung.

Das Kunstwerk "Zwölf Ikonen des Schweigens" von Peter Ketturkat aus Briedel lässt die Besucher nachdenklich werden.

"Zwölf Ikonen des Schweigens", das sind bleierne Grabsteine mit goldenen Lettern. Vor jedem der einzelnen Ikonen mahnt eine Kerze.

Es sind nur noch einzelne Buchstaben, nur noch Initialen, die hier an Menschen, die einst aus Fleisch und Blut waren, erinnern.

Gold steht für das Leuchten der Sonne



Ketturkat wählt ganz bewusst die Materialien Blei und Gold. Blei steht in der Lehre der Alchemisten für den Planeten Pluto und für das Ende der Welt, Gold hingegen für das Leuchten der Sonne.

Der Künstler aus Briedel nutzt zudem verschiedene Formen der Grabsteine und unterschiedliche Lettern: Manche der Buchstaben stehen als einzelnes Initial, andere in Kombinationen. Sie alle können dem Betrachter eine Geschichte erzählen und sind eine Gedankenstätte für die unzähligen Namenlosen, die kein eigenes Mahnmal haben.

In der Mitte der Synagoge ist ein großes Behältnis mit Wasser aufgebaut.

Es soll den Ausspruch "Ich wasche mein Hände in Unschuld" von Pontius Pilatus verdeutlichen.

Der Künstler Peter Ketturkat wird 1949 in Hessen geboren, seit einigen Jahren wohnt er in Briedel.

Er reist viel und lernt dadurch die Lebensweise verschiedener Kulturen kennen. "Seine Arbeiten strotzen vor Symbolkraft", lobt ihn Wolfgang Wabnitz aus Bremm bei der Vernissage.

Auf einem kleinen Friedhof in Beilstein entdeckt Ketturkat vor einigen Jahren Grabstelen aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind schon lange Zeit der Witterung ausgesetzt, niemand will sie mehr pflegen.

Aus dieser Beobachtung schöpft Ketturkat Inspiration, eine künstlerische Serie über Ikonen zu erschaffen. Hier will er die Trauer über den Verlust zahlloser Mitmenschen ausdrücken.

Aber er möchte gleichzeitig auch aufmerksam machen auf die "Unsterblichkeit des menschlichen Geistes".

Die "Zwölf Ikonen des Schweigens" sind ein Zeichen gegen das Verdrängen und Vergessen der Geschichte, gegen das, was Menschen in vergangenen Epochen an Unrecht widerfuhr, weil sie anders waren als die Mehrheit.

Bewusst Synagoge als Ausstellungsort gewählt



Kaum ein Ort scheint für solch eine Ausstellung besser geeignet zu sein als eine Synagoge, die Ketturkat bewusst wählte.

"Die Ausstellung soll auch ein Symbol für die Pflicht zur Bewahrung der menschlichen Grundwerte sein, also Respekt, Toleranz und Nächstenliebe", so Ketturkat.

Sie vorzuleben und zu verteidigen, dazu möchte der Künstler Anstoß geben.

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