Große Freiräume für kleine Individualisten

Große Freiräume für kleine Individualisten

MALBORN. Seit sechs Jahren sehen sich die Betreuerinnen des Kinderhauses "Mosaik" in Malborn nicht mehr als Erzieherinnen, sondern als Begleiterinnen ihrer Schützlinge. Das Prinzip von der Freiheit des Individuums geht auf den italienischen Pädagogen Loris Malaguzzi zurück.

Wozu so eine Auszeit manchmal doch gut sein kann! Das jedenfalls findet Christine Klar, Betreuerin im kommunalen Kinderhaus "Mosaik" in Malborn, wenn sie auf das Jahr 1997 zurückblickt. Damals war sie zusammen mit zwei Kolleginnen in den Mutterschaftsurlaub eingetreten. Die Folge: viel Zeit zum Reflektieren und Raisonieren über den Beruf als Erzieherin, der auch schon vor den wenig schmeichelhaften Ergebnissen der Pisa-Studie zunehmender Kritik ausgesetzt war. Klar und ihre Kolleginnen kamen zu dem Schluss, dass das bestehende pädagogische Konzept den Bedürfnissen der Kinder nicht länger gerecht wird. Einen unorthodoxen Gegenentwurf bot das pädagogische Zentrum im italienischen Reggio Emilia nach den Lehren des Pädagogen Loris Malaguzzi (1920 bis 94), einem geistigen Verwandten von Maria Montessori. Die nach dem Ort benannte Reggio-Pädagogik verfolgt die Idee des "offenen Kindergartens", die sich am Wesen des einzelnen Kindes und seinen Lebensverhältnissen orientiert. Das Kind wird als autonomes Subjekt gesehen, als Baumeister seines eigenen Lebens und nicht als Objekt, das zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft durch Erziehung geformt werden muss. Die Erziehung tritt folgerichtig in den Hintergrund. Sie versteht sich nicht als Macherin der kindlichen Entwicklung, sondern als Unterstützung und Förderung von dem, was von dem Kind selbst kommt. Dafür aber wollen die kindlichen Sinne entsprechend herausgefordert und motiviert werden. Kinder entscheiden selbst, was sie tun möchten

Im Kinderhaus "Mosaik" sitzen die 35 Kinder zwischen drei und sechs Jahren darum nicht unter Anleitung der Erwachsenen beisammen, sondern verteilen sich in kleinen Gruppen oder auch alleine in den einzelnen "Funktionsräumen", die für unterschiedliche Tätigkeiten wie Sport, künstlerisches Werken oder Spielen ausgerüstet sind. Die Kinder entscheiden selbst, was sie tun möchten. Im ganzen Haus herrscht für einen Kindergarten ein erstaunlich niedriger Lärmpegel. Kein Gezeter, kein Geraufe, kein Herumgetobe. Obwohl ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Kleine Individualisten brauchen offensichtlich ihre Ruhe. Vanessa (6) beispielsweise malt so hoch konzentriert an einer Staffelei im Atelier, dass sie nicht einmal Muße findet, eine Frage zu beantworten. Daneben formen Lara (6) und ihre Freundin aus Kleister und Zeitungsschnipseln Kugeln, während sie voller Stolz ihre selbst geklebte zweidimensionale Krippe vorzeigen. Die sieben Erwachsenen, Erzieherinnen, Pflegerinnen und eine Vorpraktikantin, helfen, wenn sie darum gebeten werden, diskutieren Vorschläge, machen Mut und trösten bei Misserfolgen. Aber selbst Streitereien, so Klar, schlichten die Kinder in den meisten Fällen selbst. Viele Eltern, erinnert sich Klar, witterten zu Beginn bei den Reggio-Pädagogen vermeintliche Orientierungslosigkeit und eine Laissez-faire Haltung dem Treiben der Kinder gegenüber. Heute wüssten sie, dass diese Zurückhaltung lediglich Respekt und Solidarität mit ihrem Kind bedeute. Ein Gong ertönt, von einem der Kinder geschlagen, das Zeichen zum Aufräumen. Seufzend und murrend macht sich die versprengte Gemeinschaft daran, Spielsachen und Utensilien in die dafür vorgesehenen Behälter und Schränke zu räumen. "Feste Regeln gibt's bei uns wie überall anders auch", betont Christine Klar. Im Mosaikhaus jedoch hat man den Eindruck, dass die Kinder diese Regeln nicht nur befolgen, sondern auch einsehen.