Großflugtag vor 90 Jahren in Bernkastel-Kues

Geschichte : Luftspektakel über dem Moseltal

Vor 90 Jahren gab es an der Mittelmosel einen aufsehenerregenden Großflugtag. Waghalsige Kunstflugmanöver erfreuten die Gäste.

Am Nachmittag des 11. August 1929 verwandelten sich die Höhen über der Moselstadt Bernkastel-Kues in den Schauplatz einer spektakulären Luftsportveranstaltung. Diese wurde von dem damaligen Unternehmen Raab-Katzenstein-Flugzeugwerke aus Kassel-Bettenhausen mitorganisiert. Der meisterhaft organisierte „Groß-Flugtag“ sollte für riesige Begeisterung bei Tausenden Zuschauern sorgen. In Vorbereitung des Events wurde ein provisorischer Flugplatz mit abgesperrtem Start- und Flugfeld auf dem Bernkastel-Kueser Plateau eingerichtet. Dort hatte der frühere „Mittelmosel-Verein für Luftfahrt“ bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen Flugplatz für zivile und militärische Zwecke erbauen lassen.

Die örtliche Presse berichtete ausführlich über das volksfestartige Ereignis: „(...) die Begeisterung wuchs von Stunde zu Stunde, waren doch die Flugleistungen deutscher Flieger unserer Bevölkerung im besetzten Gebiet durch das Verbot der Besatzung, das besetzte Rheinland zu überfliegen, nur durch Zeitungen bekannt. (...) Tausende in Erwartung harrende Zuschauer befanden sich hinter dem Draht, Tausende besetzten die Moselberge von den Graacher Schanzen bis zu den Monzelfeld vorgelagerten Bergköpfen. (...)“

Kurz nach vier Uhr nachmittags wurde die Veranstaltung unter musikalischer Begleitung offiziell eröffnet. Der Beginn der abwechslungsreichen Flugschau spielte sich laut Pressebericht der Bernkasteler Zeitung (BZ) folgendermaßen ab: „An den startbereiten Maschinen steht Dipl.-Ing. Katzenstein, der bekannte Sportflieger und Mitinhaber der Flugzeugwerke, der Pilot Wirz, einer unserer ältesten aktiven Flieger, der bereits 1913 als Flieger im Militärdienst stand und durch seine nachkriegszeitlichen Passagierflüge auf den europäischen Flughäfen kein Unbekannter mehr ist, ferner die ehemaligen Flugschüler Katzensteins, die Piloten Elflein, Müller, Lucke und Alberich, der Fallschirm­­abspringer Obeschnowitz, sowie der Flugleiter Sachsenberg. Katzenstein erteilt die letzten Anweisungen. Dann steigt er in die „Schwalbe“ und Elflein in den „Pelikan“. Die Motoren knattern, Propeller surren in rasendem Tempo und über das Feld rollen die beiden Maschinen. Leicht und sicher heben sie sich vom Boden und steigen zum Begrüßungsrundflug in die Luft. Nach einigen Schleifen, bei denen die Piloten das Fliegen in geschlossener Formation zeigen, entbieten sie den Zuschauern in gleichzeitig durchgeführten Loopings den Gruß. (...)“ Und weiter hieß es: „„Pelikan“ landet, Katzenstein zeigt mit der „Schwalbe“ moderne Kunstflüge. Man reckt sich die Hälse aus, als er waghalsige Flugkunststücke mit spielender Leichtigkeit und Sicherheit durchführt. Loopings, Rollings, Turns und Slips wechselten miteinander ab und das begeisterte Publikum begrüßte den Flieger bei seiner Landung mit lebhaftem Beifall. Er zählt berechtigterweise zu den Meistern des Flugsportes.“

Nach einer fröhlichen Ballonjagd stellte auch der erfahrene Pilot Elflein sein großes flugsportliches Können unter Beweis. Er flog mit dem „Pelikan“ zunächst eine Kette von Loopings über den Flugplatz. Anschließend präsentierte er auf der „Schwalbe“ Rückenflüge, Loopings, Trudeln und Rollen. Den lange erwarteten Höhepunkt der Veranstaltung bildete daraufhin der legendäre Schleppzug. Dieser setzte sich aus dem Motorflugzeug „Kranich“ und dem Segelflieger „Schmetterling“ (siehe Foto) zusammen. Dazu schrieb die BZ: „Zuerst erhob sich das Flugzeug und erst dann stieg auch die Maschine auf. Langsam flog der Schleppzug, immer mehr Höhe gewinnend, über den Flugplatz. In 500 Meter Höhe löste der Segelflieger die Anhängevorrichtung aus und in eleganten Schleifen flog das Segelflugzeug seine Bahn. Mit großer Geschicklichkeit landete Katzenstein unter dem Beifall der Menge.“

Werbeanzeige für die Kunstflugveranstaltung der Raab-Katzenstein-Flugzeugwerke in Bernkastel-Kues. . Foto: TV/Markus Philipps

Mit hochgespannter Aufmerksamkeit wurde später der Absprung des Fallschirmspringers Obeschnowitz aus 400 Metern Höhe beobachtet. Im weiteren Verlauf des Events gab es noch zahlreiche Passagierrundflüge. Die BZ verlautete: „(...) Manche Dame und mancher Herr sahen sich ihre schöne Heimat mit Entzücken aus der Vogelperspektive an. Noch bis gegen 8 Uhr surrten die Motoren in der Luft. Ein ereignisreicher Nachmittag war zu Ende, ein Schauspiel deutscher Luftsport-Tätigkeit, für die die Piloten und die Raab-Katzenstein-Werke, sowie die Veranstalter Anerkennung verdienen. Dem Luftsport sind sicher neue Freunde geworben worden.“

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