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Grundschul-Schließungen - Man muss nicht nur die Kirche im Dorf lassen

Zu den Berichten über mögliche Grundschulschließungen (der TV berichtete mehrfach) schreibt dieser Leser: Thomas Körsten, Neroth


1888 wurde die Lehrerin Frau Schönecker aus Lünebach nach Neroth versetzt und seitdem können die Nerother Kinder wie auch die Kinder aus den Nachbarorten hier zur Schule gehen. Seit nunmehr 130 Jahren wird in unserem Dorf ununterbrochen unterrichtet und das ungeachtet vieler Krisen. Man denke nur an die beiden Weltkriege. Aber in dieser damals sehr armen Region erkannte man die Wichtigkeit der Schule vor Ort. Da überrascht es mich, nein, es haut mich aus den Socken, dass man jetzt über die Schließung von Dorfschulen mit wenigen Schülern nachdenkt. Und das in einer Zeit, in der die Steuereinkünfte so hoch sind wie nie.
Keine Frage: Wirtschaftlich ist es nicht, eine kleine Schule zu erhalten. Finanziell ist es interessanter, die Kinder mit dem Bus in eine große Schule zu bringen. Kinder zu haben und zu erziehen ist sowieso wirtschaftlich ein Desaster und zahlt sich zumindest in unseren Lebzeiten überhaupt nicht aus. Es ist für jede Familie anstrengend und teuer, Kinder zu haben. So gesehen gehören Kinder abgeschafft. Natürlich sind unsere Kinder die Zukunft unserer Gesellschaft, und die Investition in diese Zukunft kann gar nicht teuer genug sein. Unsere Kinder hier in Neroth hatten das große Glück, die Vorzüge unserer kleinen Dorfschule genießen zu dürfen. Sie freuten sich jeden Morgen darauf, mit ihren Freunden zu Fuß zur Schule zu gehen. Sie hatten hier im Dorf einen schönen Einstieg in unser Bildungssystem. Das prägt!
Auch ich genieße immer sehr, wenn die Rasselbande aus der Schule durch das Dorf marschiert, um von Haus zu Haus zu ziehen, um Karnevalsliedchen zu singen, die Kirche, das Mausefallenmuseum oder die Betriebe im Dorf zu besuchen. So etwas sorgt für Leben auf dem Dorf.
In Neroth gab es mal sieben Kneipen, vier Geschäfte, zwei Kassen, einen Arzt, einen Bäcker und viele kleinbäuerliche Betriebe. Es gab eine Zeit, wo es kein Haus ohne Kuh gab. Heute gibt es kein Haus mit Kuh. Unsere Dörfer waren Produktionsstätten. Jetzt sind unsere Dörfer zu Schlafstätten verkommen. Es gibt Programme, Dörfer lebenswerter zu machen. Wie wäre es mit Wiederbelebung der Gesellschaft? Kinder sind Leben, sie gehören hierhin und nicht tagsüber weggekarrt, weil es billiger ist. Es geht nicht darum, eine Liste der Vor- und Nachteile von Dorfschulen zu machen. Es reicht, sich klar darüber zu sein, dass man nicht will, dass die Dorfschule geschlossen wird - und so denken viele Menschen.
Thomas Körsten, Neroth