Harte Arbeit für edle Weine aus den Steilhängen

Graach · Entlang der Mosel sieht man sie derzeit fast an jedem Weinhang: Winzer und deren Helfer, die Trauben von den Weinreben abernten. Doch wie funktioniert die Traubenlese eigentlich? Ein TV-Redaktionsmitglied hat es in Graach ausprobiert.

Graach. Eine Traube ist in der Mitte verfault. Ich nehme sie in die Hand, schneide sie durch und will das Faule wegschmeißen. Die 14-jährige Laurin hält mich auf. "Nein", sagt sie, "nicht wegschmeißen! Das Faule ist gut, das Beste an der Traube!" Ich bin irritiert: Wie bitte? Laurin lacht. "Daraus wird die Beerenauslese gemacht. Es ist sehr hochwertig!" Verblüfft werfe ich die Beeren in den Eimer und merke mir: Faul ist nicht gleich faul.
Rund um die Mittelmosel werden derzeit die rund 2300 Hektar Steilhänge der Winzer abgeerntet - meist von Hand. Wetterbedingt stehen dafür etwa vier Wochen zur Verfügung. In Graach bin heute auch ich mit dabei. Für mich eine Premiere: Meine bisherigen Erfahrungen mit der Traubenernte beschränken sich darauf, einzelne Beeren zu pflücken. Für den Sofortgebrauch im Mund, versteht sich.
Um 7.30 Uhr am Morgen, eine Stunde vor meiner Begegnung mit den edelfaulen Beeren, liegen Nebelschwaden über der Mosel. In Graach-Schäferei ist es ruhig, die Hauptstraße ist menschenleer. Patrick Philipps und seine Frau Michaela arbeiten bereits in ihrer Garage. Patrick legt eine grüne Wanne auf den Anhänger seines Lieferwagens. "Gleich kommen meine Arbeiter", sagt er fröhlich zu mir.
Zum Weingut Philipps-Eckstein gehören vier Hektar Weinberge, alles Steillagen. Das Weingut gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert. Patrick Philipps übernahm 1998 als Quereinsteiger das Geschäft - als Autodidakt: "Ich hab mir alles selbst beigebracht." Seitdem führt er den Betrieb erfolgreich fort, wurde unter anderem 2007 mit dem Titel Winzer des Jahres ausgezeichnet.
Gegen acht Uhr haben sich die Arbeiter um Patricks Lieferwagen versammelt. Darunter sind fünf Polen, der Angestellte Rudolf Erz und Laurin Phillips, Patricks Tochter, die in den Ferien mit der Traubenlese ihr Taschengeld aufbessert. Es ist kühl, der Atem steigt dampfend in die Luft. Kurz darauf steigen alle in das Auto ein. Rudolf lässt den Wagen an und fährt durch die Weinbergswege. Wenige Minuten später ist der Hang erreicht, die Arbeiter steigen aus.
Vier Jahre helfen die polnischen Mitarbeiter nun schon bei Philipps Traubenlese, kommen jeden Herbst für ein paar Wochen nach Graach. Sie gehören alle zu einer Familie: Der 60-jährige Szczepan Szezybylo mit seinen Töchtern Sylwia Czepelska und Marta Bielak sowie deren Schwägerin Iwoma Bielak und ihre Cousine Joanna Flis. Sie sprechen nur wenige Brocken Deutsch.
An dem Hang legen die Arbeiter sofort los, jeweils zwei nehmen sich eine Reihe Weinreben vor. Sie schneiden mit einer Rebenschere die Trauben ab, legen sie in kleine Eimer. Sind diese voll, werden sie zu Rudolf weitergereicht.
Der sammelt sie ein und schüttet die Trauben in eine große Wanne um, die 400 Liter fasst.
Unter Anleitung von Laurin versuche auch ich mein Glück, ziehe Gummihandschuhe an und lege los. "Du musst die Traube unten anpacken und oben einfach abschneiden", sagt Laurin. Ich mache es ihr nach und werfe die Traube in den Eimer. "Aber pass auf", sagt Laurin. "Mit den Scheren kommt man sich leicht in die Quere und kann sich verletzen." Ich nicke und behalte Joanna Flis im Blick, die auf der anderen Seite der Reihe arbeitet.
Langsam arbeite ich mich mit Laurin den Hang hoch. Der Weg ist beschwerlich: Bei einer Steigung von 55 Grad kommen wir nur langsam voran. Der Boden ist weich, immer wieder rutsche ich auf dem Schiefer aus. Meine Füße stehen nie waagerecht, meine Fußgelenke und mein Rücken fangen schnell an zu schmerzen. "Das ist normal", sagt Laurin. "Nach ein paar Tagen hat man sich daran gewöhnt."
Iwoma Bielak summt fröhlich ein Lied aus ihrer Heimat. Immer wieder hüpft sie etwas herum, haucht warme Atemluft in ihre Hände. Kurz darauf erreicht die Sonne auch unseren Hang. Bielak reckt ihr Gesicht nach oben, schließt die Augen und lächelt. "Ah", sagt sie. "Warm."
Nach einer Stunde ist die 400-Liter-Wanne voll. Rudolf fährt sie runter an die Straße. Patrick kommt dazu, nimmt eine Beere, reibt ihren Saft auf ein kleines, schwarzes Gerät und sieht hindurch. "90 Oechsle", sagt er. "Das wird eine gute Spätlese."
Das Gerät ist ein Oechslemesser, mit dem der Zuckergehalt der Trauben geprüft wird. Das geschieht anhand der Dichte des Traubensaftes - je dichter er ist, je mehr Zucker er vor allem enthält, desto besser die Qualität. Patrick setzt sich auf den Traktor, lässt ihn an, hebt mit der Traktorgabel die Wanne hoch und schüttet die Trauben in den Anhänger des Fahrzeugs.
Mehrere Stunden später ist der Traktoranhänger voll mit Trauben. Patrick setzt sich in das Fahrzeug und fährt zurück zum Weingut. Dort schließt er in seiner Garage einen Schlauch an die Wanne an, der in einen großen Stahltank, eine Traubenpresse, führt. Patrick geht zur Presse und drückt einen Knopf. Der Schlauch fängt an zu vibrieren, der Traktoranhänger ebenfalls. Die Trauben werden in die Presse gepumpt. Sie fängt an sich zu drehen, presst den Saft aus den Früchten. Unter ihr plätschert der Most in eine Auffangwanne.
Patrick geht in den Keller, wo mehrere große Edelstahltanks stehen. Er geht zu einem hin, schließt einen Schlauch an, prüft alle Verbindungsstellen. Dann geht er wieder nach oben. Im Keller ist es still, es riecht nach Traubensaft, ein bisschen nach Alkohol. Plötzlich wird die Stille durch ohrenbetäubenden Lärm unterbrochen: Der Most aus der Presse fließt in den Tank, der Saft peitscht gegen die Stahlwände.
Erst nach einer Minute wird es wieder leiser, der Kessel füllt sich langsam. Patrick kommt wieder in den Keller und schreibt Hofberg an den Tank - der Hang, an dem wir die Trauben gerade gelesen haben. Dort haben die Arbeiter mittlerweile ihre Strategie geändert: Anstatt alle Trauben in einen Eimer zu werfen, sortieren sie nun die Beeren direkt aus - die normalen, grünen Beeren in den einen Eimer, die Edelfaulen in den anderen.
Bis zu vier Mal gehen die Arbeiter pro Saison durch einen Hang, um die jeweils besten Beeren abzuernten. "Das ist kosten- und zeitintensiv", sagt Patrick. "Aber ein Jahr lang haben wir an den Hängen gearbeitet, da will ich keinen Durchschnitt produzieren."
Laurin nimmt eine grüne Traube und isst die Beeren. "Mmmh", seufzt sie und sieht mich an. "Nimm auch etwas!" Ich probiere ein paar der Früchte. Sie sind süß und wirken erfrischend nach all der Arbeit. "Aber iss nicht zu viel", sagt Laurin und lacht. "Hier draußen gibt\'s keine Toiletten."Extra

Das Weinanbaugebiet Mosel umfasst rund 8900 Hektar und gliedert sich in die fünf Bereiche Burg Cochem (Terrassenmosel), Bernkastel (Mittelmosel), Ruwer, Saar und Obermosel. Es ist Deutschlands fünftgrößtes Weinanbaugebiet. An der Mittelmosel gibt es etwa 2150 Winzerbetriebe, die rund 5800 Hektar bewirtschaften - 3500 Hektar Flach- und 2300 Hektar Steillage. An der Ruwer wird fast ausschließlich Riesling angebaut, an der Mittelmosel sind die beliebtesten Sorten Riesling und Müller-Thurgau/Rivaner. In beiden Anbaugebieten gibt es nur neun Prozent rote Sorten.