Stadtgeschichte: Heimatforscher macht „Sensationsfund“

Stadtgeschichte : Heimatforscher macht „Sensationsfund“

Der Hobby-Archäologe Willi Waxweiler entdeckt in einer Baugrube in der Wittlicher Altstadt Überreste des „Ur-Wittlichs“.

Rentner Willi Waxweiler hat ein Glänzen in den Augen, als er die TV-Redaktion in Wittlich betritt.  Dazu spricht er hektisch und aufgeregt. In der Hand trägt er eine historische Stadtkarte. Wer den Hobby-Heimatforscher kennt, der weiß, was das bedeutet: Der  „freischaffende Rentner“, wie er sich selbst nennt, ist wieder auf eine interessante Entdeckung zur Wittlicher Stadtgeschichte gestoßen. 

Waxweiler führt den TV-Redakteur zum Fundort, einer aktuellen Baustelle nahe des Platzes an der Lieser. Der 80-Jährige klettert flugs eine schmale Metallleiter in eine etwa ein-
einhalb Meter tiefe Grube mit Bauschutt und Morast hinab. Links und rechts säumen große Sandsteinblöcke, die Waxweiler bis an die Hüfte reichen, den drei bis vier Meter breiten Graben. Dieser in ferner Vergangenheit mit großen körperlichen Mühen ausgeschachtete künstliche Wasserlauf habe Lieserwasser in die Stadt und auch wieder hinaus gefördert. Und das schon vor sehr langer Zeit, schätzt Waxweiler.

„Das sind Überreste des Ur-Wittlichs“, sagt er, „der ersten Wasserleitung der Stadt. Womöglich ist das das erste sichtbare Stück Geschichte von der Säubrennerstadt.“ Denn der Hobbyarchäologe hält es für möglich, dass der künstliche Wasserlauf vor der Errichtung der Stadtmauer und damit vor dem Jahre 1300 gegraben und eingefasst wurde. „Ohne Wasser hätten die Wittlicher hier nicht leben können. Ohne diesen Mühlengraben wäre die Stadt nicht das, was sie heute ist. Das behaupte ich ganz einfach mal. Ohne Wasser Null Wittlich.“ Dieser 650 Meter lange künstliche Wasserlauf als Abzweigung der Lieser habe gegenüber dem natürlichen Fluss mit seinem aufgeweichten Ufer viele Vorteile geboten, sagt Waxweiler. „Am Einlauf hat man Frischwasser entnommen, im hinteren Teil diente er als Abwasserkanal und hier nahe des Marktplatzes im Mittelteil wurde vermutlich Wäsche darin gewaschen.“

Durch die Sandsteinblöcke am Rand habe man ans Wasser treten können, ohne Erdbrocken vom Ufer abzubrechen und dieses zu verschmutzen. Waxweiler: „Die massive Einfassung durch  Sandsteinblöcke bezeugt, wie bedeutend der Mühlengraben für die Entwicklung der Stadt war. Ohne Wasserlauf lief nichts. Normalerweise sind Mühlengräben – ich habe einige gesehen – nicht mit Sandsteinblöcken eingefasst .“

Experte Doch was sagen Experten zu diesem „Sensationsfund“ aus der Säubrennerstadt? Die Stadtverwaltung, der die  alten Sandsteinblöcke, die bei den Bauarbeiten zu Tage  kamen,  nicht verborgen blieben, hat Archäologen des Trierischen Landesmuseums zu einer Begutachtung des Mühlengrabens eingeladen. Konservator Dr. Lars Böckler, der die freigelegten Überreste unter die Lupe genommen hat, sagt: „Der Mühlengraben ist zweifellos ein Kulturdenkmal und für die Entstehungsgeschichte der Stadt von großer Bedeutung – insbesondere für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Da hingen ja auch Mühlen dran.“

Der Experte datiert den künstlichen Wasserlauf allerdings nicht auf das Jahr 1300, sondern in die „frühe Neuzeit“ und damit ungefähr in das 16. Jahrhundert. Seine Bedeutung für die Entwicklung der Stadt schmälert das aber nicht. „Ich habe einige Mühlengräben ausgegraben. Die meisten von ihnen, wie aus römischer Zeit, waren nur mit Holz wie Flechtwerk befestigt. Solch eine massive Sandsteineinfassung wie in Wittlich ist dagegen selten, aber sehr praktisch gedacht, da sie von Dauer ist.“ Böckler schätzt, dass der künstliche Wasserlauf auf seiner ganzen Strecke, die etwa 650 Meter umfasst, von den massiven Steinen eingefasst war oder ist. Bislang wurde nur ein kleiner Abschnitt davon freigelegt.

Baustelle Doch schon bald wird das Kulturdenkmal wieder ganz im Erdreich verschwunden sein. Derzeit werden dort Rohre verlegt, die Hochwasser, das der Graben von Zeit zu Zeit noch in die Stadt führt, künftig ableiten sollen. Letztlich soll das Kulturdenkmal, das derzeit nur mit Bauschutt gefüllt ist,  mit Beton gefüllt werden und so auf einem Abschnitt von 40 Metern stabilisiert werden.  Denn  die Sandsteineinfassung des Mühlengrabens dient zahlreichen Häusern der Altstadt als Grundstein. Durch die Verwendung eines etwa einen Zentimeter starken Geotextils, erklärt Böckler, werde das historische Bauwerk allerdings von dem Beton getrennt und nehme so keinen Schaden. Rainer Stöckicht, Pressesprecher der Stadt Wittlich: „Da baulich nichts an den Sandsteinblöcken verändert wird, besteht derzeit kein weiterer Handlungsbedarf.“ Heimatforscher Waxweiler hingegen würde einen Teil des Kulturdenkmals gerne dauerhaft  freigelegt sehen. Doch diesen Vorschlag hält Experte Böckler  für kontraproduktiv: „Man kann ihn nicht einfach freilassen. Durch die Witterung wäre er in zwei bis drei Wintern komplett zerstört.“ Das Bauwerk habe sich über Jahrhunderte nur deshalb halten können, erklärt Böckler, weil es zu Zeiten in denen es noch oberirdisch gelegen habe, regelmäßig ausgebessert worden sei.

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