Helferin trotz Handicap

Die Arbeit auf dem Bauernhof ist das Leben von Simone Theisen. Die 18-Jährige ist schon als kleines Kind in der Landwirtschaft aufgewachsen, nun macht sie eine Ausbildung auf einem Wittlicher Hof. Trotz einer Hörbehinderung meistert sie ihren Job - und verblüfft damit auch ihre Chefin.

Wittlich-Bombogen. Der Wecker von Simone Theisen klingelt jeden Morgen um 6 Uhr. Oder besser gesagt: Er leuchtet. Die 18-Jährige wird nicht von einem schrillen Ton geweckt, sondern von einem grellen Licht. Das erinnere ein bisschen an das Blaulicht eines Polizeiwagens, sagt sie. Sie wacht auf, geht zum Stall und melkt die Kühe. Ihre Chefin Magdalena Zelder lacht über die Geschichte mit dem Wecker, während sie davon erzählt. "Ich dachte am Anfang, dass ich Simone wecken muss. Aber sie sagte mir, sie würde sich davon erschrecken, weil sie nichts hört. Dann zeigte sie mir ihr Wecklicht. Und davor habe ich mich erschreckt, weil es so hell ist." Zelder ist Landwirtin in Wittlich-Bombogen auf einem Hof, den sie mit ihrem Mann Christoph betreibt. Seit einigen Wochen arbeitet Simone Theisen bei ihr. Trotz einer Hörbehinderung. Nur ein Gerät im Ohr hilft der jungen Frau tagsüber, Stimmen und Geräusche zu verstehen. Das hindert sie nicht daran, eine Ausbildung zu machen. Als Helferin. Die Arbeitsagentur und die Landwirtschaftskammer bieten diese Möglichkeit an, wenn Menschen eine körperliche Behinderung oder eine Lernstörung haben (siehe Extra).
Simone Theisen ist froh über die Chance. Denn das Leben auf dem Hof ist ihre Welt. Ihr Vater führt in der Vulkaneifel einen landwirtschaftlichen Betrieb. Als sie die Schule beendet hatte, zog es sie weiter. "Mein Papa riet mir, dass ich woanders lernen soll, um über den Tellerrand zu schauen." Das war aber nicht einfach. Sie suchte im Internet, der Vater und eine Betreuerin klingelten viele Höfe an. Doch immer hagelte es Absagen. Wegen der Hörbehinderung. "Das war frustrierend", stöhnt sie.
Katharina Krämer weiß um die Probleme. Sie arbeitet für die Landwirtschaftskammer und sagt: "Viele Betriebe wissen gar nicht, dass es die Ausbildung gibt. Und einige Eltern verschweigen das Lernproblem der Kinder und nehmen das Angebot der Helferausbildung nicht war, obwohl es für die Auszubildenden einfacher wäre." Sie rät, dass alle Seiten offen aufeinander zugehen und ein Praktikum vereinbaren, um sich besser kennenzulernen. So wie bei Magdalena Zelder. Sie legte den Hörer nicht gleich auf, als sie den Anruf von Simone Theisen bekam. Die Landwirtin war neugierig, lud die 18-Jährige zu einem Praktikum auf den Hof ein und bot ihr nach zwei Wochen einen Ausbildungsvertrag an. "Wir haben uns schnell aneinander gewöhnt", sagt Zelder. Einiges gelernt hat sie in der Zeit auch, wie sie erzählt. "Am Anfang waren wir übervorsichtig und haben Simone immer gefragt, ob sie wirklich alles verstanden hat. Davon war sie schnell genervt." Inzwischen weiß Zelder: "Wenn etwas unklar ist, dann fragt sie schon von sich aus."
Auch die Geschichte mit dem Aufwachen war durch den leuchtenden Wecker schnell gelöst. "Simone ist fast immer vor allen anderen im Melkstand", berichtet Zelder. "Sie erledigt alle Arbeiten auf dem Hof. Wie jeder Geselle auch." Inzwischen gehört Theisen zur Familie dazu. Sie lebt auf dem Hof und scherzt auch gerne. Wenn das Baby der Familie nachts schreit, ist das für sie kein Problem, sagt sie. Sie könne es ja nicht hören. Die Ausbildung mache ihr Spaß. Nur eine Sache, die klappt noch nicht so recht, gibt sie zu. Das Traktorfahren. Mit dem Hören hat das aber nichts zu tun, meint Magdalena Zelder. "Das muss Simone einfach noch weiter üben."Extra

Das Konzept für die Helfer-Berufe ermöglicht Menschen mit einer Lernstörung oder körperlichen Behinderung eine reguläre Ausbildung in Berufen wie Landwirt, Gärtner, Pferdewirt oder Winzer. 74 Helfer gab es im vergangenen Jahr in Rheinland-Pfalz. Sieben arbeiten davon in der Landwirtschaft, sechs als Pferdewirte, zwei im Weinbau und 59 als Gärtner. Die Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor. Die Ausbildung dauert drei Jahre, ist mit der Arbeit in einem Betrieb und dem Besuch der Berufsschule in Neuwied verbunden und wird genauso vergütet wie bei allen Auszubildenden. Im ersten Jahr gibt es so in der Landwirtschaft 520 Euro, im zweiten 575 Euro und im dritten 615 Euro. Gibt es beim Lernen Probleme, besteht die Möglichkeit, dass eine Hilfe der Caritas dabei unterstützt. flor