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Helmtherapie hilft Säuglingen mit Kopfverformung in Wittlich

In der Region einzigartige Therapie : Familien sollen Kosten selbst tragen: Krankenkassen bezahlen Helmtherapie für Säuglinge im Wittlicher Krankenhaus nicht

Das Verbundkrankenhaus in Wittlich hilft jährlich etwa 40 Säuglingen, die an verformten Köpfen leiden. Für die sogenannte Helmtherapie fahren Eltern bis zu 200 Kilometer in die Klinik. Doch die Kosten müssen die Familien oft selbst zahlen.

„Den Kindern macht es nichts aus, wenn sie im Säuglingsalter 23 Stunden am Tag einen Helm anziehen müssen.“ Das sagen übereinstimmend zwei Elternpaare, deren Kinder die „Helmtherapie für Säuglinge“ im Verbundkrankenhaus Wittlich gerade machen oder schon abgeschlossen haben. Nötig wird eine solche Therapie, „wenn das Hinterköpfchen des Säuglings stark abgeflachte Bereiche aufweist oder wenn man in der Medizin von einer deutlichen Schädelasymmetrie spricht“, erklärt Oberarzt Dr. Merten Kriewitz. Diese Verformungen entstünden häufig durch eine einseitige Lage des Kindes, wenn der andauernde Lagerungsdruck das noch weiche Köpfchen an den Auflagestellen verformt und abflacht. Zu den Ursachen können eine unter der Geburt erfolgte Halswirbelverschiebung oder beispielsweise bei Mehrlingsgeburten Platzmangel im Mutterleib sein.

Warum die Helmtherapie in Wittlich weit und breit einzigartig ist

Das war bei Emil der Fall, er hat einen Zwillingsbruder Henry. Im Mutterleib hat Emil lange am Becken gelegen. Als er auf der Welt war, hat seine Mutter Kerstin Freis aus Eppelborn die Verformung festgestellt. „Man konnte sie sehen und auch fühlen“, berichtet sie. Mit einem Keilkissen und verschiedenen Therapien wie Vojta oder Osteopathie wurde versucht, die Verformung zu beheben. Ihr Kinderarzt im Saarland hat die „Helmtherapie“ in Wittlich empfohlen, die in der Region einzigartig ist. Nächste Behandlungsmöglichkeiten wären ansonsten in Heidelberg, Mainz oder Bonn. In Wittlich gibt es diese Therapie, weil der Oberarzt Dr. Kriewitz nicht nur Kinderarzt ist, sondern ergänzende Erfahrung in der Manualtherapie hat. „Von verschiedenen Seiten wurde er vor einem Jahrzehnt von Kinderärzten, Kieferorthopäden und Therapeuten angesprochen, die Therapieform aufzunehmen“, berichtet Sabine Zimmer, Sprecherin des Verbundkrankenhauses.

Wie die Helmtherapie hilft

Wenn die Verschiebungen und die Verformungen nicht behandelt werden, berichtet der Experte, können sich die kleinen Halswirbel mit der Zeit verfestigen und für die Kinder schmerzhafte Folgen haben, die manchmal bis ins Erwachsenenalter hinein reichen. Dazu gehören Kopfschmerzen, eine gestörte Wahrnehmung bis bin zu motorischen Ungeschicklichkeiten. Starke Deformationen können sich auf das Gesicht und den Kiefer auswirken. Bei Emil war der Halswirbel ebenfalls mitverdreht. Nach den Untersuchungen beider Kinder hat sich herausgestellt, dass nur Emil einen Helm benötigt. „Das war für ihn kein Problem. Er hat gelacht, als er ihn gesehen hat.“ Von seinem Kopf wurde im Krankenhaus ein 3D-Foto angefertigt, nachdem eine Fachfirma den Helm gebaut hat. 23 Stunden trägt Emil den Helm, der aus einem ultraleichten weißen Spezialkunststoff besteht. „Der Helm weist geschlossene Areale auf, die das Köpfchen an den normalgeformten Bereichen sanft umfangen und lässt freie Lücken an den bislang abgeflachten Stellen. Das weitere Wachstum erfolgt nun vorrangig dort, wo der Aufholbedarf besteht“, erklärt Dr. Merten Kriewitz.

 Den Kunststoffhelm, der seinen Kopf wieder in die richtige Form gebracht hat, braucht der kleine Finn (links) - hier mit seinem Zwillingsbruder Till - aus Damflos nicht mehr.
Den Kunststoffhelm, der seinen Kopf wieder in die richtige Form gebracht hat, braucht der kleine Finn (links) - hier mit seinem Zwillingsbruder Till - aus Damflos nicht mehr. Foto: Trierischer Volksfreund/Christa Weber

Wieso bezahlen die Krankenkassen die Helmtherapie nicht?

In der Stunde, in der er den Helm nicht trägt, ist für Emil Schmuse- und Haarwaschzeit. Danach lässt er ihn sich ohne Probleme wieder anziehen. Schwierigkeiten gibt es also nicht bei der Therapie, sondern bei den Kosten von 1600 Euro, denn die will die Krankenkasse nicht übernehmen. Dr. Merten Kriewitz erklärt: „Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten diese Kosten nicht generell, da für diese Therapieleistung aktuell keine Genehmigung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen vorliegt.“

 Manuela und Daniel Clemens aus Geisfeld sind froh, dass es ihrem Sohn Leon besser geht. Ein Helm aus Kunststoff bringt den Kopf des Jungen in die richtige Form. Für diese Therapie gibt es von der Krankenkasse kein Geld. Aber eine Benefizgruppe aus Trier hat gespendet  - wie schon beim kleinen Finn aus Damflos, dessen Familie dasselbe Problem hatte. Foto: Christa Weber
Manuela und Daniel Clemens aus Geisfeld sind froh, dass es ihrem Sohn Leon besser geht. Ein Helm aus Kunststoff bringt den Kopf des Jungen in die richtige Form. Für diese Therapie gibt es von der Krankenkasse kein Geld. Aber eine Benefizgruppe aus Trier hat gespendet  - wie schon beim kleinen Finn aus Damflos, dessen Familie dasselbe Problem hatte. Foto: Christa Weber Foto: Trierischer Volksfreund/Christa Weber

Diese Erfahrungen hat auch Michael Oster aus Ediger-Eller gemacht. Sein Sohn Leonard ist 17 Monate alt und hat seine sechsmonatige Therapie bereits erfolgreich abgeschlossen. Sein Vater Michael berichtet: „Wir haben uns an die Vorgaben gehalten und würden uns jederzeit wieder dafür entscheiden. Wir haben uns gut aufgehoben gefühlt, es gab beispielsweise kaum Wartezeiten.“ Bezahlt hat die Krankenkasse aber auch bei ihnen nicht. Deshalb ist er mit der Krankenkasse vor Gericht. „Es geht uns vor allem um das kranke System, das die Folgeschäden bezahlt, aber die Behandlungskosten nicht. Da gehe ich gegen an.“